Arbeitsrat für Kunst
- Flugblatt 1919
- In der Überzeugung, daß die politische Umwälzung benutzt werden muß zur Befreiung der Kunst von Jahrzehntelanger Bevormundung, hat sich in Berlin ein Kreis einheitlich gesinnter Künstler und Kunstfreunde zusammengefunden. Er erstrebt die Sammlung a11er verstreuten und sich zersplitternden Kräfte, die über die Wahrung einseitiger Berufsinteressen hinaus am Neuaufbau unseres gesamten Kunstlebens entschlossen mitwirken wo11en. In enger Fühlung mit Vereinigungen ähnlicher Tendenz an andern Orten Deutschlands hofft der Arbeitsrat für Kunst seine nächsten Ziele, die in folgendem Programmauszug angedeutet sind, in nicht zu ferner Zeit durchsetzen zu können.
- An der Spitze steht der Leitsatz:
Kunst und Volk müssen eine Einheit bilden. Die Kunst soll nicht mehr Genuß weniger, sondern Glück und Leben der Masse sein. Zusammenschluß der Künste unter den Flügeln einer großen Baukunst ist das Ziel. - Auf dieser Basis werden zunächst sechs Forderungen gestellt:
- Anerkennung des öffentlichen Charakter aller Bautätigkeit, der staatlichen und privaten. Aufhebung aller Beamtenprivilegien. Einheitliche Leitung ganzer Stadtteile. Straßenzüge und Siedlungen, ohne daß die Freiheit im einzelnen beeinträchtigt wird. Neue Aufgaben: Volkshäuser als Vermittlungsstätten aller Künste an das Volk. Ständige Experimentiergelände zur Erprobung und Vervollkommnung neuer baulicher Wirkungen.
- Auflösung der Akademie der Künste, der Akademie für das Bauwesen und der Preußischen Landeskunstkommission in ihrer bisherigen Gestalt. Ersatz dieser Körperschaften bei neuer Abgrenzung ihres Arbeitsfeldes durch solche, die aus der produktiven Künstlerschaft selbst ohne staatliche Beeinflussung geschaffen werden. Umwandlung der privilegierten Kunstausstellungen in freie.
- Befreiung des gesamten Unterrichts für Architektur, Plastik, Malerei und Handwerk von staatlicher Bevormundung. Umwandlung des künstlerischen und handwerklichen Unterrichts von Grund auf. Bereitstellung staatlicher Mittel dafür und für Meistererziehung in Lehrwerkstätten.
- Belebung der Museen als Bildungsstätten für das Volk. Einrichtung ständig wechse1nder, durch Vorträge und Führungen dem ganzen Volke dienstbar gemachter Ausstellungen. Ausscheidung des wissenschaftlichen Materials in Zweckbauten. Absonderung technisch geordneter Studiensammlungen für Kunsthandwerker. Gerechte Verteilung der staatlichen Mittel zum Erwerb alter und neuer Werke.
- Beseitigung der künstlerisch wertlosen Denkmaler sowie aller Bauten, deren Kunstwert im Mißverhältnis zu dem Wert ihres anders brauchbaren Materials steht. Verhinderung voreilig geplanter Kriegsdenkmäle und unverzügliche Einstellung der Arbeiten für die in Berlin und im Reich vorgesehenen Kriegsmuseen.
- Bildung einer Reichstelle zur Sicherung der Kunstpflege im Rahmen der künftigen Gesetzgebung.
- Der Arbeitsrat für Kunst in Berlin hat sich nach sorgfältiger Vorbereitung in folgender Weise konstituiert:
- I. Geschäftsausschuß,
gewählt von der Vollversammlung des Arbeitsrats für Kunst am 1. März. Ihm gehören an die Architekten, Maler, Bildhauer und Kunstschriftsteller: - Leitung:
Walter Gropius
César Klein
Adolf Behne
Otto Bartning
Hermann Hasler
Erich Heckel
Georg Kolbe
Gerhard Marcks
Ludwig Meidner
Max Pechstein
Herrmann Richter-Berlin
Karl Schmidt-Rottluff
Bruno Taut
Max Taut
Wilhelm Valentiner - II. Künstlerische Arbeitsgemeinschaft
in Berlin ansässiger bildender Künstler und Kunstschriftsteller, gewählt vom Geschäftsausschuß am 22. März. Ihr gehören an: - Der Geschäftsausschuß
und
Rudolf Belling
Artur Degner
Lyonel Feininger
Otto Freundlich
Jefim Golyscheff
August Grisebach
Erwin Hass
P.R. Henning
Jakob Hirsch
Walter Kaesbach
Moritz Melzer
Otto Müller
Franz Mutzenbecher
Emil Nolde
Friedrich Perzynski
Richard Scheibe
Fritz Stuckenberg
Georg Tappert
Arnold Topp - III. Einheimische und auswärtige Freunde des Arbeitsrats für Kunst, die seinen Zielen zuggestimmt haben.
Paul Andrae, Dresden Dietrich Marck, Berlin-Wilmersdorf Gertrud Arper, Rijswijk-Den Haag Erich Mendelsohn, Charlottenburg Georg Biermann, Hannover Heinrich Nauen, Brüggen Wilhelm Brückmann, Emden Paul Oppler, Charlottenburg Heinrich Campendonk, Seehaupt Emil Orlik, Berlin Paul Casirer, Berlin Ernst Osthaus, Hagen i.W. Wilhelm von Debschitz, Hannover Rudolf Prommel, Berlin-Friedenau Hermann Finsterlin, Berchtesgaden Fränze Eleonore Rocken, Berlin Alfred Fischer, Essen Chr. Roh1f, Hagen i.W. Alfred Flechtheim, Düsseldorf Carl Reßscheid, Alfeld a.L. Philipp Frank, Berlin-Wannsee Margarete Scheel, Rostock i.M. Marie-Anne von Friedlaender-Fuld, Berlin Werner Scheibe, Hamburg Otto Gothe, Hannover John Schikowski, Charlottenburg Wenzel Hablik, Itzehoe Carl Schleusing, Friedenau G.F. Hartlaub, Mannheim Eduard Schlickau, Oberhausen, Rhld. Carl Georg Heise, Hamburg Eugen Erich Schlieper, Schöneberg Oswald Herzog, Berlin-Steglitz Hans Schmidt-Werden, Berlin-Wilmersdorf Bernhard Hoetger, Ostendorf- Worpswede Margarete Schubert, Berlin Heinrich Jost München Fritz Schulz-Heckendorff, Berlin-Steglitz Hans Kaiser, Hannover Maz Schulze-Sölde, Hagen i.W. Bernhard Klein, Berlin-Wilmersdorf Hugo Simon, Berlin Ernst Kneil, Berlin-Schöneberg Otto Spotaczyk, Berlin-Friedenau Wera Koopmann, Berlin-Friedenau Milly Steger, Charlottenburg Carl Krayl, Nürnberg W.F. Storck, Mannheim Eva Lau, Berlin Adolf Meyer, Berlin-Schöneberg Günther Werckmeister, Charlottenburg Otto Müller, Breslau Fritz Westendorf, Düsseldorf Alex. Müller-Lichtenberg, Lichtenberg Otto Wiegmann, Berlin Fürstin Mechtilde Lichnowsky, Berlin Gerhard Zeidler, Berlin Gustav Lüdecke, Hellerau Paul Zucker, Charlottenburg
- I. Geschäftsausschuß,
- Künstler, die den Wunsch hahen, in die künstlerische Arbeitsgemeinschaft des Arbeitsrats für Kunst aufgenommen zu werden, sollen zu den regelmäßigen Zusammenkünften dieser Arbeitsgemeinschaft eingeladen und nach einiger Zeit im Ausschuß zur Wahl gestellt werden.
- Als wichtigste Aufgabe der nächsten Zukunft betrachtet der Arbeitsrat den Zusammenschluß der [der] geschlossenen Arbeitsgemeinschaft angehörenden Künstler auf der Basiseiner gemeinsamen Ausarbeitung eines umfassenden utopischen Bauprojektes, das in gleichem Maße architektonische wie plastische und malerische Entwürfe umfassen soll.
- Damit der Arbeitsrat für Kunst seine Ziele durchsetzen, die geplante Arbeit in Angriff nehmen, Ausstellungen vorbereiten und Schriften herausgeben kann, ist er auf die Hilfe seiner Freunde angewiesen. Der Beitrag für die der Arbeitsgemeinschaft angehörenden Künstler und Kunstschriftsteller soll jährlich in einer Vollversammlnng den Ausgaben entsprechend festgelegt werden. Der jährliche Mindestbeitrag für einheimische und auswärtige Freunde des Arbeitsrats für Kunst betragt M. 50.-. Dafür verpflichtet sich der A.f.K. seine Freunde zu al1en öffentlichen Veranstaltungen einzuladen und ihnen sämtliche Veröffentlichungen unentgeltlich zu übersenden. Für unbemittelte Künstler kann der Beitrag auf Antrag herabgesetzt werden.
- W e r b t F r e u n d e !
- BIBLIOGRAPHICAL REFERENCE
[Manifesto of the Arbeitsrat für Kunst] Handbill 1919 (19,5 x 32 cm.); signed by Walter Gropius, César Klein, Adolf Behne and many others. Reprinted in Eberhard Steneberg, Arbeitsrat für Kunst. Berlin 1918-1921 (Edition Marzona : Berlin ) 4-9. 
