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  • Dadaisten-Abend
  • Das in Scharen herbeigeströmte Publikum hat sich den Zirkus Dada den größten Teil des Abends über stehend betrachtet, stehend auf den schönen roten Stühlen im großen Saale der Kaufmannschaft. Sensationsgier, Erwartung eines rechten Fastnachtsulkes, unverhohlene Radaulust war von Anfang an vorherrschend.
    Man probierte schon die Trillerpfeifen lange, bevor wilde Blechgongschläge das Auftreten der literarischen Clowns ankündigten. Endlich erhob sich Huelsenbeck, bot dem Saal ein hochmütig-überlegenes Ästhetenantlitz mit Einglas und versuchte, einen witzigen Anfang zu finden. Es mißlang. Dafür stellte er seinen Freund Baader, den Oberdada und Präsidenten des Weltalls vor, und man hoffte nun bereits, etwas zu erleben. Aber es blieb bei quatschigen, gegenseitigen Anulkungen und langweiligen, inhaltlosen Auseinandersetzungen. Jeder Studentenbierulk in der blühenden, goldenen Zeit war geistvoller. Während dieses öden Vorspiels wurden die verschiedensten Lärminstrumente geprobt. Der Oberdada blies mit vollen Backen ins Kuhhorn. Huelsenbeck begann ein Manifest vorzulesen, um die Theorie des Dadaismus zu entwickeln. Er kam nicht weit damit. Das Publikum wollte durchaus mitwirken. Er wurde niedergeschrien, wie's in einer rechten Volksversammlung Brauch ist. Der Oberdada suchte die von vornherein verfahrene Situation durch Verlesung der 'Vortragsfolge' zu retten und begann mit Hausmann, dem Dritten im Bunde, ein 'Simultan-Gedicht' in den Saal zu brüllen, zweistimmig, nach zahlen. Ein halbes Stündchen wogte das sinnlose, für die meisten überhaupt nicht zu verstehende Getobe hin und her. Da stürmte eine Schar braungelockter Jünglinge das Podium und fiel in geschlossener Schlachtordnung über die drei Solisten der neuen Weltanschauung her. Es gelang ihrer vereinten Heldenkraft wirklich, sie hinunterzuwerfen, so daß sich der Austrag geistiger Gegensätze in Form einer lieblichen Keilerei im Saale weitervollziehen konnte. Wer sich nicht über die Unwürdigkeit dieses Vorgangs ekelte, konnte vergnügt durch Hetzrufe das homerische Gewürge anfeuern. Man kam also doch auf die Kosten, stellte sich auf die Stühle und genoß mit gereckten Halsen die Sensation. Nachdem sich die Kampfbegeisterung etwas gelegt hatte, waren die Dadaisten wieder oben, suchten sich mit vollstem Stimmaufgebot verständlich zu machen und erreichten tatsächlich eine Kampfpause, in der der Oberdada den Trumpf ausspielen konnte: "Das war Numero 5! der Oberdada als Tierbändiger!" Nun begann eine sozusagen freie Aussprache, in der, soweit man's vernehmen konnte, allerlei Anklagen und Rechtfertigungen, Vorschläge zu neuen Gewalttätigkeiten, Gesuche um polizeiliche Hilfsaktionen, Strafpredigten ans Publikum, Anträge auf Rückzahlung der Kosten, Triumphlieder auf den Sieg des Dadaismus sich ablösten. Die Dadaisten fühlten sich als Sieger, obwohl Huelsenbecks Einglas nicht mehr in den Saal blitzte, Hausmanns Hausknechtsstimme verstummt war und vom Programm des Dadaismus auer den Tiraden des Oberdada nichts zur Geltung gekommen war. Reichlich zwei Stunden hatte das erhebende Kulturschauspiel gedauert. Allmählich leerte sich der Saal.
  • Das Satyrspiel nach der großen Tragödie der Zeit, deren letzter Akt noch längst nicht ausgespielt hat. Das Bild allgemeiner Zuchtlosigkeit, das dieser Abend, an dem doch erlesene Köpfe Dresdens in großer Zahl teilnahmen, bot, war tief betrüblich. Eine Erscheinung wie den Dadaismus kann man als letzte Ausartung des geistigen und sittlichen Nihilismus verstehen, erledigen kann man sie wohl kaum durch Prügel, eher schon durch Verweigerung der Anteilnahme. Die Dadaisten rühmen sich ihrer epidemischen, internationalen Verbreitung, und wer die literarischen Dokumente kennt, weiß, daß etwas Wahres daran ist. Eine entschlossene Brüderschaft, die grundsätzlich gegen alles ist, gegen Geist und Ordnung, Bürgerturn und Proletariat, Staat und Kunst, Form und Gesetz, stellt so lange einen Machtfaktor dar, als sich ihr gegenüber nicht die Überlegenheit der Gesitteten durch Geschlossenheit ihres Willens behauptet. Wenn man schon gekommen war, ihr neues Evangelium zu vernehmen, warum hörte man sie nicht an und lachte sie dann gründlich aus? Man hätte dann wahrscheinlich gesehen, daß die kecken Knaben nur nach altem Rezept ihr Mütchen am Spießer kühlen, das Überbrettl der Nachkriegszeit eröffnen und sich mit krampfigem Humor vom Versinken in die eigene Bodenlosigkeit retten wollen. Sie halten trotz ihrer Gesten der Verneinung sehr hübsch fest an hergebrachten Formen, haben ein gut organisiertes Reklamebureau, das ganz menschlich verständliche Werbezettel versendet, gründen gutbürgerlich eine 'Deutsche Freiheitspartei', haben ihren Ober-Dada, was auf Unterordnung und Ranganerkennung hinweist, und treiben äußerlich nicht viel anderes als den bewußten Vereinsulk mancher bürgerlichen Gesellschaften oder Studentenverbindungen.
    Eine Gefahr sind sie höchstens in der Gesinnung der Kulturbekämpfung, und die kann man nur durch positive Gegenarbeit abwehren. Die Bewegung als solche wird an ihrer eigenen Geistlosigkeit, auf die ihre Anhänger so stolz sind, versanden und verenden, sie ist lediglich ein Symptom der Verzweiflung unserer Zeit. Schade trotzdem, daß der Einbruch der Dadaisten in Dresden so völlig humorlos verlaufen ist und nicht viel mehr als eine Hölzerei war. Gab sich schon das Wenige, was die Neutoner zu künden Raum hatten, witz- und humorlos, so war doch die Ungebärdigkeit der Menge noch viel unerquicklicher. Nicht einmal erscholl das befreiende Lachen, zu dem die Lächerlichkeit der Vorgänge und dieser und jener vereinzelte Witz hatte reizen können, nur Ungeistigkeit, Fanatismus, Erbitterung war das Zeichen dieses freudlosen, zeitgemäßen, verlorenen Abends.
  • F.Z.
  • TEXT CREDITS
    F.Z., 'Dadaisten-Abend', in Dresdner Nachrichten January 21, 1920. Reprinted in Karin Füllner, Dada Berlin in Zeitungen. Gedächtnisfeiern und Skandale. Veröffentlichungen des Forschungsschwerpunkt MuK 43 (Forschungsschwerpunkt MuK an der Universität - Gesamthochschule Siegen : Siegen 1986) 43-45 and in Dada and the Press / ed. by Harriett Watts. Crisis and the Arts. The History of Dada, IX (Thomson/Gale : New Haven etc. 2004) 107-108.
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  • IMAGE CREDITS
    banner: (detail) Raoul Hausmann, 'Mechanischer Kopf' (Der Geist unserer Zeit), 1918 [Collection Centre Georges Pompidou, Paris].
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