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  • Der gestrige Dadaistenabend
  • Noch gellen und dröhnen die Ohren von dem schnödesten Lärm, der je in Dresden an kunstgeweihter Stätte vor einem gebildeten Publikum gehört wurde.
    Ekel, stummer, würgender Ekel war der Eindruck: Ekel vor der kalten Geschäftsmache der Dadaisten, die Geld nehmen für eine geistige Marktschreierei und Prostitution; Ekel vor dem Teil des Publikums, der sich benahm wie der Vorstadtpöbel, gröhlte, brüllte, schnarrte, tutete, trillerte, pfiff, Zigaretten anbrannte, mit Äpfeln warf, mit heiserer Kehle bis zur Bewußtlosigkeit schrie, lachend auf Stühle kletterte, den Saal umsäumte, als gelte es hier einer Gladiatorenschlächterei zuzusehen, jede Auswirkung der Dadaisten unmöglich machte, das Podium erklomm und unsinnig raufte, sodaß ein Opernsänger, der Ruhe stiften wollte, von der Rampe bis ins Publikum flog, indessen sich menschliche Bestien mit geschwungenen Stocken auf die Übeltäter stürzten und sie bis in die krachenden Stuhlreihen warfen. Ehrliches und tiefes Mitleid gebührt der ehrsamen Gilde der Dresdner Kaufleute, die ihren schönen festlichen Saal zu dem wüstesten Schauplatz irrsinnigen Tobens hergegeben hatte. Voll unendlichem Ekel wendete sich schließlich der bessere Teil des Publikums von dieser Blamage der deutschen Geistigkeit ab, von dieser stundenlang währenden Anpöbelei von armseligen witzlosen Marktschreiern und Bettelleuten, die freilich ihr Strafgericht verdient hatten, für die aber dieser mißlungene, armselige Karnevalsabend leider bei den Ferngebliebenen, die zu den Dummen, den Neugierigen und den Leuten mit kleinen Raubtierinstinkten gehören, nur Reklame machen wird.
  • Der erste Ausdruck des Abscheus gilt dem Teil des Publikums, der sinnlos und kulturlos, völlig direktionslos und randalierend sich gestern gegen die dadaistischen Veranstalter kehrte. Daß dieser Teil des Publikums in Dresden jemals karnevalistische Scherze verstehen könnte, ist ausgeschlossen. Dieser Bildungspöbel ist Holz und versteht nur zu holzen. Der zweite Ausdruck des Abscheus aber gehört der absoluten Unfähigkeit und geistigen Armseligkeit der karnevalistischen Veranstalter, die über die Leute sich lustig machen, die für sie nur Ausbeutungsobjekte sind. Von ferne gesehen, schien der Dadaismus ein sich selbst überwindender Pessimismus, eine Kampfansage gegen das Philistertum zu sein. Von ferne schien er den einen tieferen Sinn zu haben, daß diese Welt ein Nichts ist - albern die Wissenschaft, ein Schwindel die Ethik, eine Farce die Politik, ein Leierkasten die Musik, "die deutschen Dichter von Schiller bis Werfel reif fürs Klosett", der Expressionismus eine "Geometrie in Farben", der deutsche Idealist nur eine formvollendete "Schmalzstullenseele", der Gebildete von heute ein Mensch, dem die dadaistische Bewegung "die Gedärme ausspülen" soll; von ferne gesehen, schien der Dadaismus die spielende Erhebung über den Weltekel und Weltanschauung, schien die absolute Erhebung selbst über die letzte nihilistische Verneinung selber zu sein. Aus Schmerz, aus Ekel, aus enttäuschter Geistigkeit schien diese wollüstige Sehnsucht nach Unsinn, diese Verneinung von Geist, dieser Haß vor Plattheit, Phrase, Roheit, Bildungsdünkel, dieser Haß vor jeder Bejahung zu sein.
  • Aber ach, in der Nähe gesehen (auch wenn in dem Lärm und der Pöbelhaftigkeit des Ulkes vieles zugrunde ging), in der Nähe gesehen, erschienen diese Dadaisten wie kalte Verstandesnaturen, die Trunkenheit mimen, wie von der Routine zerfressene, langweilig werdende umherziehende Jahrmarktsmenschen, oder um in der Sprache der Dadaisten zu reden, wie Dussel aus der Uckermark, die wilde tun bei der Vogelwiese in Kotzschenbroda oder Copitz, falsche Zigeuner mit schön tätowierten Bauchen, auf denen sie feste, feste, feste Reklame trommeln, Worte panschen, sich benehmen, als seien sie im Rausche herrlichen Blödsinns, als stünden sie wirklich im Zenit des endlich eingesehenen Unsinns als des Sinns der Welt, und die in Wahrheit ein Tröpflein Ernst, ein Weinglas voll echten Schmerz (denn dieser ist da) und ein Oxhoft geschäftlichen Schwindels und namenloser stiller Verachtung für alle die Geistigen und Ungeistigen in sich vereinigen, die hinter dem Jux (dem technisch schlecht, trocken, grenzenlos plump gemachten) Jux etwas Schmerzliches, Befreiendes, Zukunftsvolles sehen. Heiliger Wolzogen, seliges Oberbrettel, unsterbliche Elf Scharfrichter, ewiger Wedekind, wie glänzt ihr wie Sterne über diese qualmenden Petroleumlampen! Ein törichtes Publikum, das sich von den gerissenen dadaistischen Spießerhäuptlingen gestern zu lärmenden Kundgebungen mit Hupen und Hundepfeifen aufputschen ließ, statt höflich, kalt und grausam diese Nichtskönner schweigend zu richten, unterstützte leider den dadaistischen Unfug. Gemachter Irrsinn und Clownerie aus Geschäftsinteresse wird durch eisige Höflichkeit und Nichthingehen am besten gerichtet. Ein im Kot sich wälzender Gassenjunge wird nicht aufhören, wenn die Leute stehen bleiben, ihn anspornen und ihm Nickel zuwerfen; geh vorüber und wirf ihm keinen Nickel zu und er wird von selber aufhören. Dada stirbt an dada.
  • Friedrich Kummer
  • TEXT CREDITS
    Friedrich Kummer, 'Der gestrige Dadaistenabend', in Dresdner Anzeiger January 20, 1920. Reprinted in Karin Füllner, Dada Berlin in Zeitungen. Gedächtnisfeiern und Skandale. Veröffentlichungen des Forschungsschwerpunkt MuK 43 (Forschungsschwerpunkt MuK an der Universität - Gesamthochschule Siegen : Siegen 1986) 40-41.
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    banner: (detail) Raoul Hausmann, 'Mechanischer Kopf' (Der Geist unserer Zeit), 1918 [Collection Centre Georges Pompidou, Paris].
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