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  • Expressionisten-Abend
  • Einige junge Leute, Künstler und Literaten, aus dem Café des Westens, gaben Mittwoch irn Harmoniumsaal einen Vortragsabend expressionistischer Kunst. Dichter lasen sich selbst, ein toter Dichter wurde rezitiert, ein Komponist begleitete seine Lieder, ein Maler, Ludwig Meidner, wollte seine Bilder zeigen. Da er im letzten Augenblick absagte, kam man um das Beste. Die Veranstalter gaben den Abend als Expressionistenabend, da aber diese Richtung nur in der Malerei und Musik etwas hervorgebracht hat, was bleibend ist, sich in der Dichtung aber nur blamiert hat, fehlte dem Abend jedes Kunstniveau. Dazu kam, daß die Dichter keine Expressionisten waren, sondern Explosionisten.
    Im Saal war alles, was sich revolutionär und modern und allen andern überlegen vorkommt. Diese Gesinnung verhinderte aber nicht Ausbrüche einer geradezu beschämenden Zügellosigkeit. Nicht genug, daß man unabsichtlich lachte, man tat es auch absichtlich und weidete sich an Provokationen, so daß im Gelächter und Gekicher manche guten Zeilen untergegangen sein mögen. Die ganze Mißgunst der Künstler untereinander, der Neid, der Haß, die halbe gegenseitige Achtung, alles was die Stimmung in Bohèmekaffees reizvoll macht, wurde hier hemmungslos in einen Konzertsaal getragen und kam zu tobendern Ausbruch. Man lachte und rief sich gegenseitig zur Ruhe. Man lief nach vorne und wieder nach hinten. Einige verließen trampelnd den Saal und andere nannten sich laut Idioten! Niemand las, ohne von schallendern Gelächter oder beleidigenden Zwischenrufen unterbrochen zu werden. Wenn junge Dichter wegen größer Modernität von bürgerlichern Publikum verhohnt werden, beschweren sie sich in ihren Blättern. Hier zeigte es sich, daß sie sich gegenseitig nicht fúr ernst nehmen. Aus einem Dialog von Paul Bayer: "Die gelbe Gefahr und die Sonnenanziehung" war nur das Wort 'ostwärts' zu verstehen. Immer wenn es auftauchte, wurde es mit Heiterkeit begrüßt. Johannes R. Becher las seine verworren in Worten sich austobenden Gedichte so, daß man ihren lyrischen Zug heraushörte. Es war noch das Zahmste an diesem Abend. Zwischen Stürmen des Gelächters versuchte sich Richard Huelsenbeck verständlich zu machen. Mit unerschütterlicher Ruhe las er ein Negerlied nach dem andern vor. Nach jeder Zeile rief er zweimal: Umba. Als er endete und hinausging, rief ihm der ganze Saal "Umba! Umba!" nach. Zuletzt sprudelte Huqo Ball Gedicht auf Gedicht hervor. Man verstand fast nur die Reime; die genügten aber, im Publikurn wahre Schreikrämpfe hervorzurufen. Eine Zeile, die ich verstand, lautet: "Ein Pferd macht müde sich bequem in einem Vogelneste." Wahrscheinlich ist es ein Opfer der Futternot geworden. - Zwischen diesen Exzedenten traten zwei weniger revolutionäre künstler auf, die im Saal wahrscheinlich banal gefunden wurden, aber die einzigen waren, die dieses tobende Publikum in Ruhe zwangen. Werner Heymann findet zwischen Wagner und Debussy einen für seine Jugend eigenen Ausdruck.
    Schön ist das Fließende in einem Rilkegedicht und die Impression goldener Tropfen irn Gedicht 'Venedig' von Nietzsche Musik geworden. 'Die Naherinnen' und 'Venedig', von Meta Zlotnicka temperamentvoll gesungen, können in jedem Konzert wiederholt werden. Die andere beruhigende Wirkung ging von Emmy Hennings aus. Ihre Prosaskizzen und Gedichte zeichnen sich durch eine stille, schlichte Aufrichtigkeit aus und selbst das etwas Kindliche war eine Erlösung nach den "eiternden Mondbeulen" der anderen Gedichte. Sie hat wirklich erlebt und in ihr steckt-wenigstens echte Bohème. In der Mitte des langen Programms standen Rezitationen von Resi Langer, die dem gefallenen Alfred Lichtenstein gewidmet waren. Resi Langer betonte in diesen Gedichten nur das Satirische und Groteske, während diese zusammenhangslosen Impressionen eines von Morgenstern und Wedekind kommenden ernsten Zynikers sicher anders gemeint waren. Der Vortrag hatte aber Stil und machte die Gedichte eher besser als schlechter. Der laute aber durchaus würdige Protest eines Freundes des Verstorbenen würde von Resi Langer ungeschickt pariert, so daß es schließlich zu einer Prügelei zwischen den Lichtenstein-Exegeten im Publikum und den Saaldienern kam. Nach allen diesen Zwischenfällen konnte man den Expressionistenabend nur beschämt verlassen. Ist das die neue Generation, für die Verläge und Zeitschriften gegründet werden? Soll so etwas den Krieg noch Jahre lang überleben? Indem sich diese Dichter gegenseitig auslachten, haben sie sich selbst aus der Literatur gestrichen. Es war im Grunde ein Protest gegen Deutschland zu Gunsten von Marinetti.
  • F.St.
  • TEXT CREDITS
    F.St. [Fritz Stahl], 'Expressionisten-Abend', in Vossische Zeitung 244 (Evening Issue - Supplement) 14 May 1915 [International Institute of Social History - Amsterdam - ZF 1255]. Reprinted in Karin Füllner, Dada Berlin in Zeitungen. Gedächtnisfeiern und Skandale. Veröffentlichungen des Forschungsschwerpunkt MuK 43 (Forschungsschwerpunkt MuK an der Universität - Gesamthochschule Siegen : Siegen 1986) 12-13.
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  • IMAGE CREDITS
    banner: (detail) Raoul Hausmann, 'Mechanischer Kopf' (Der Geist unserer Zeit), 1918 [Collection Centre Georges Pompidou, Paris].
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