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  • Gedächtnisfeier für gefallene Dichter
  • Ein kahler Saal (im Architektenhaus) im grellen elektrischen licht, kein Versuch einer Trauerdekoration, keine feierliche Kerze, kein Orgelton, nicht ein bißchen Musik. Um halb neun, als die Feier für die jungen, im Kriege gefallenen Dichter beginnen sollte, waren noch einige Sitzreihen leer. Es waren ja ganz junge Dichter, deren hier gedacht werden sollte, noch lange nicht ausgemachte Größen, im Literaturkalender vielleicht noch gar nicht eingetragen. Übrigens ist es betrübend, daß keinem Anerkannten der menschliche Einfall kam, bei dieser Totenfeier für vier jung verschiedene Dichter dabei zu sein, nur ein paar Schriftsteller, die sich mit vierzig noch als oberste Klasse der Jugend fühlen, waren gekommen. Im ganzen ließ man die Jugend von der Jugend begraben. Aber viele junge Mädchen saßen da mit ernsten Gesichtern, denen diese verheißungsvollen Jünglinge, dank dem Gesetz der Nahe, mehr waren als - doch ich werde mich hüten, hier einen großen Namen zu nennen. Diese Zwanzigjährigen, in deren Herzen die gefallenen Dichter lebendig bleiben, werden die echteren Gedächtnisfeiern für sie abhalten, abends, in einer Ecke ihrer Mädchenzimmer, über einen Nachlaßband gebeugt, oder an langen Sommerabenden am Klavier.
  • Diese Gedächtnisfeier im kahlen Saal verlief ein bißchen nüchtern. Es erschien Herr Hugo Ball, sprach einige sehr kühne Worte und kündigte ein noch kühneres Manifest an, das heute hatte verteilt werden sollen, aber mit Rücksicht auf die Redner erst später ausgegeben werden wird. Dann sprach der lyriker R.A. Meyer über den Dichter Ernst Stadler, der in Belgien als leutnant gefallen ist. Stadler, der die großen Kathedralen besungen hat, ist auch vor Reims gestanden! Herr Meyer sprach mit schöner Fassung. Er phantasierte, was Ernst Stadler, der Dichter und Germanist, noch alles hätte werden können, werden wollen. Auf Erich Schmidts Katheder hatte dieser Künstler-Gelehrte noch einmal stehen müssen ... Und er las zuletzt mit sanfter Ergriffenheit ein Gedicht vor, daß ein anderer im Felde stehender junger Dichter auf Ernst Stadlers Tod hatte schreiben müssen.
  • Dann sprach Kurt Hiller über den Dichter Ernst Wilhelm Lotz und von seinen Versen, "die wie Schmetterlinge waren". Er erzählte von Nachtgesprächen mit dem jungen Lotz und von Plänen und Entwicklungen und Absichten. Einen politischen Roman hatte der Dichter in dem Kopf, den eine Granate zertrümmerte, ein Werk, das Odyssee und Utopie in einem sein sollte. Wenn ein Dichter von 25 Jahren stirbt, darf man wahrhaftig auch von seinen ungeschriebenen Werken reden! Herr Kurt Hiller ist ein Meister im Definieren, ein großer Definist, wie er selbst sagen würde. Er nannte den jungen Lotz einen Melioristen - was man allein sein könne, nicht Pessimist, nicht Optimist, denn uns fehlen die Vergleichswelten, nur Meliorist, ein Besserer der Erde, das müsse der neue Künstler sein. Kunst ist Dienerin am Geist, die freche Phrase l'art pour l'art aber - die Zusammenhänge sind freilich etwas weitmaschig - ist am Weltkrieg schuld, denn so entzog der Teufel den Geist dem Geiste. Diese Paraphrasen über den "Imperialismus der Idee" waren sehr geistreich. Aber die Herzen öffneten sich, als der Redner aus einigen Feldpostbriefen des jungen Lotz zitierte. Zuerst den Satz: "Das Wort Vaterland ist die unsichtbar schwebende Wohnung der Nation", dann das Bekenntnis gegen die wohlfeile Rebellionsekstase, das Geständnis des jungen Offiziers gegen die Literaten. "Ich weiß nicht, warum ich mich mit einem Lächeln panzern soll, wenn meine Augen naß sind." Und schließlich, nachdem der Rausch der ersten Wochen sich gelegt hatte, das hoffende Wort: "Ich werde wundervolle, friedliche Dinge schreiben, wenn ich zuhause bin." Er starb in den Armen eines Kameraden, der ihn zu schätzen gewußt hat. "Und das Leben war wehend blond", heißt es in einem seiner schönsten Gedichte, die nun Frau Resi ~ sehr kunstreich, aber nicht ganz selbstvergessen vortrug.
  • Über den gefallenen Dichter Hans Leybold sprach wieder Herr Hugo Ball. Es war eine ziemlich witzige Totenrede. Sie enthielt Angriffe gegen alle Welt, im besonderen gegen Heinrich Mann, Avenarius, Otto Ernst, Walter Kollo und sonstige Literaturgespräche ... Es war eine ausgelassene Gedächtnisrede, die auch im Kabarett verblüffend wirken müßte. Zuletzt wurden die Anwesenden angeklagt: "Sie alle haben seinen Tod verschuldet, alle!" Das wurde vom Papier kaltblütig heruntergelesen. Und nun geschah das Peinliche, daß diese vorbereitete Attacke ein deutliches, nicht zu überhörendes Kichern weckte. Eine alte Dame ging in aller Stille weg, viele blickten ihr nach. Dann sprach noch Herr Richard Huelsenbeck über den französischen Dichter Charles Péguy der in demselben Krieg gefallen ist wie sein Übersetzer Ernst Stadler. Auch diese Gedenkrede war provokatorisch, besonders die torichte Schmähung, die hier ein politischer Ignorant dem gemordeten Jaurès ins Grab nachschickte, verdroß. Das war nicht mehr Kabarett, das war Knabenulk.
  • Die schönste Würdigung erhielt zuletzt der junge Dichter Walter Heymann. Über ihn wurde keine Rede gehalten, weder eine bedeutende, noch eine provokatorische. Frau Langer setzte sich in den Fauteuil und las seine Verse vor. Das ist am Ende die eindringlichste Gedächtnisteier für einen gefallenen jungen Dichter. Die jungen Mädchen senkten lauschend sanft die Köpfe.
  • st. gr.
  • TEXT CREDITS
    st.gr., 'Gedächtnisfeiern für gefallene Dichter', in Vossische Zeitung 81 (Evening Issue), 13 February 1915 [International Institute of Social History - Amsterdam - ZF 1255]. Reprinted in Karin Füllner, Dada Berlin in Zeitungen. Gedächtnisfeiern und Skandale. Veröffentlichungen des Forschungsschwerpunkt MuK 43 (Forschungsschwerpunkt MuK an der Universität - Gesamthochschule Siegen : Siegen 1986) 3-5.
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  • IMAGE CREDITS
    banner: (detail) Raoul Hausmann, 'Mechanischer Kopf' (Der Geist unserer Zeit), 1918 [Collection Centre Georges Pompidou, Paris].
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