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  • Bei den Dadaisten. Ein Zeitbild aus Berlin W.
  • Die 'Sezession' erlebte Trommelfeuer, Sturmangriffe, und einige drehten sich in dem Spektakel, von plötzlichern Nervenchok befallen, veitstänzerisch. Dazwischen schnarrte eine Kinderraspel, Lovis Corinths Gestalten an den Wänden machten Miene zur Flucht, Sie fürchteten Stuhlbeine. Der Florian Geyer hielt bereits sein Schwert zur Abwehr bereit, Richard Huelsenbeck schwur, Europa in Ekstase zu bringen und pries die Brutalität, das metaphysische Agens des ganzen Weltbetriebs. Der Dadaist ist der Mensch, der das primitivste Verhältnis zum Leben hat und zugleich das intensivste. Er ist der Anhanger der starken Sensationen, der Fanatiker der Bewegung. Nun, diese Bedingungen wurden am Freitag abend restlos erfüllt. Das Publikum bestand das dadaistische Rigorosum. In der Elektrischen kann es heute nicht temperamentvoller zugehen. Dadaistische Gefühle und Stimmungen entluden sich in der angenehmen musikalischen Form des Radaus, ebenso primitiv wie intensiv. Fehlte nur die letzte Steigerung der Bewegung: die Keile. Sie lagen in der Luft, und als die Saalleitung Herrn Hausmann, der gerade einiges über dadaistische Malerei in den Lärm hineinschrie, das Licht ausdrehte, dachte man: jetzt geht's los. Aber leider kam es doch nicht zu dieser Manifestation der Ausdruckskunst, wie phantastisch den Leuten auch die Wirklichkeit über den Kopfen zusammenschlug. Es fehlte letzten Endes doch die nötige 'Spontanität', um zu diesem schönen Mittel internationaler Verständigung zu greifen. Aber man erhielt immerhin einen, vielleicht eingeschränkten, aber doch lebendigen Begriff vom Dadaismus.
  • Die Seele des Dadaismus ist der Radau, die intensivste Bewegung. Richard Huelsenbeck entwickelte das Programm. Buenos Aires, Kaukasus, Montevideo, Schieber, Einbrecher, D-Zug-Diebe, Bankkräche, Eisenbahnunglücke, Brückeneinstürze, Revolutionen. Der Dadaist ist der phantastische Wanderer, der dinghungrige Jäger hinter den Sensationen. Er ist international, aber nicht wie die Literaten, wie die Sozialdemokraten, die Austauschprofessoren; eher wie die internationalen Hochstapler. Er glaubt an die Relativität; aber er ist nicht 'passivistisch' und 'pazifistisch'. Er liebt vielmehr die Bewegung; er bejaht sie. Sie ist sein Leben. Er liebt es, sich aufzugeben, und ist doch immer nur er selber. Er ist der große Lebenskünstler. Das Leben aber steht ihm vor dem Künstler. Wenn er schon dichtet, malt, singt, so tut er das mehr zufällig. Derjenige aber ist der größte Künstler, der das bewegteste Leben hat. Der Dadaist ist Fanatiker und Ironiker zugleich. Der Ausdruck, den er sucht, ist einer, der über alle Grenzen, rein im Ausbruch des Extatischen, verständlich ist. Höchste Form: der bessere Sensationsfilm.
  • Das hörte sich leidlich an, und die Ausbrüche gegen die Expressionisten, die "mit der Geste der Geistigkeit Geschäfte machen", waren überaus erheiternd. Huelsenbeck verkündete die Götterdämmerung des Jüngsten Tages. Nur die Futuristen, zu denen sich die Dadaisten - wir machen heute solche Entwicklungen mit amerikanischer Schnelle - wie die Renaissance zur Antike verhalten, ließ er, als Vorform, gelten.
  • Nach Huelsenbeck kam der beseligende Radau. Else Hadwiger las Futuristisches. Sie griff in einen Beutel mit beschriebenen Zetteln. Was herauskam aus dieser Wortlotterie, war ein Schlachtengedicht von Marinetti. Huelsenbeck machte dazu Musik auf einem Trömmelchen und mit einer Kinderknarre. Dann kam George Groß "bruitistisch" und das Publikum brutalistisch. Das Ziel war erreicht: Epater les bourgeois. Leider blieben die Stuhlbeine ganz.
  • Ein harmonischer Abend! Man hatte sich gegenseitig in Schönheit begriffen und feierte hernach die Angelegenheit im Kaffee des Westens.
  • P.H.
  • TEXT CREDITS
    P.H., 'Bei den Dadaisten. Ein Zeitbild aus Berlin W.', Unterhaltungsbeilage der Tägliche Rundschau April 13, 1918. Reprinted in Karin Füllner, Dada Berlin in Zeitungen. Gedächtnisfeiern und Skandale. Veröffentlichungen des Forschungsschwerpunkt MuK 43 (Forschungsschwerpunkt MuK an der Universität - Gesamthochschule Siegen : Siegen 1986) 23-24; also in Urlaute dadaistischer Poesie. Der Berliner Dada-Abend am 12. April 1918 / rekonstruiert von Jeanpaul Goergen. Randfiguren der Moderne (Postskriptum Verlag : Hannover 1994) 77-78.
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  • IMAGE CREDITS
    banner: (detail) Raoul Hausmann, 'Mechanischer Kopf' (Der Geist unserer Zeit), 1918 [Collection Centre Georges Pompidou, Paris].
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