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  • Der Dadaismus
  • Alles kann man totschweigen - nur nicht das Geschrei. So mag die Wüstheit der Lachstürme und der bis zur Zügellosigkeit gediehenen Lebhaftigkeit, in der kürzlich der Dadaistenabend in der Berliner Sezession unterging, eigentlich recht nach dem Herzen seiner Veranstalter gewesen sein. Man spazierte während der Vorträge gemütlich von einem Bekannten zum andern und plauderte angeregt und laut in dem Bewußtsein, den dort vorn mit frecher Mimik und krähendem Ton sich abzappelnden Burschen gar nicht in seiner überheblichen Lautheit beirren zu können. Ein unglaubliches Durcheinander von Pfeifen, Gelächter und Entrüstung. Hausschlüssel gaben ihr Letztes her, ein Feldgrauer rief nach dem Schützengraben. Alles stand auf Stühlen, Wiehernde, die nicht mehr konnten, fielen japsend einander urn den Hals, ruhigere Naturen rauchten gemütlich, als wären sie im Varieté. Hier und dort verriet sich in der Menge ein Armefuchtelnder durch seine Emphase als Dadaist, während die Flapsigkeit am Pult unbeirrbar ihre grotesken Zynismen zwischen die Köpfe schmiß.
  • Was aber ist denn nun eigentlich dieser Dadaismus? Unermüdlich, in einem Püree von Dialektik, in einem lauen Gemeinplatzregen aus dem Vokabularium letzter Verkünderschulen preist ihn, umgrenzt ihn, schreit ihn aus Herr Huelsenbeck, ein junger blonder Mensch, gar nicht uneben anzuschauen, aber höchst abstoßend durch den verachtlich-gleichgültigen Tonfall, mit dem er seine witzige Polemik herunterdudelt. Unermüdlich prahlt die offenbar kleine Schar, die ihn umgibt, in Manifesten, Programmen und frechen Pressenotizen den neuen Ismus aus, der aus seiner Gründungsstadt, dem freien Zürich, herüberkam.
  • Dadaïst ist ein Mann, der es unternimmt, sein Dasein in ein Dadasein zu verwandeln. So hat man eine getreuere Definition gegeben, als wenn man auf den kindlich lallenden Rhythmus des Wortes "Dada" hinweist, in dem das Urgefühl des Menschen gegenüber allen Dingen symbolisiert sein soll. Aber alle Definitionsversuche geben eine viel zu ernsthafte Vorstellung von dieser peinlichsten Flegelei, die je startete, nicht ohne zuerst einmal jede Beziehung zu den veralteten Erscheinungen des Futurismus, Kubismus, Aktivismus etc. lärmend abzuschwören. Und mit Recht: denn jene jüngsten Bewegungen entstiegen in all ihren Kraßheiten und Verzerrungen einem heiligen, fanatischen Glauben, während hier tatsächlich, wie ja auch die Manager des Dadaismus mit Stolz sagen, eine "Erfindung" (ohne Treu und Glauben) vorliegt. Trotz ihrer anmaßlichen Pose der Bindungslosigkeit sind die Dadaisten zappelnde Puppen nur einer labyrinthisch verkrampften Epoche, deren von Widersprüchen zerrissenes, in Fiebern fleckiges, in Schwäche zuckendes Gesicht dreist-verlegen durch alle Lücken der dadaistischen Maske grinst.
  • Der Dadaismus ist der Versuch, uns die Eingeweide, die der Zeit herausquellen, für Gehirngange anzupreisen.
  • Willi Wolfradt
  • TEXT CREDITS
    Willi Wolfradt, 'Der Dadaismus', in Der Friede 1, No. 18 (24 May 1918) 434-435. Reprinted in Karin Füllner, Dada Berlin in Zeitungen. Gedächtnisfeiern und Skandale. Veröffentlichungen des Forschungsschwerpunkt MuK 43 (Forschungsschwerpunkt MuK an der Universität - Gesamthochschule Siegen : Siegen 1986) 26-27 and in Dada and the Press / ed. by Harriett Watts. Crisis and the Arts. The History of Dada, IX (Thomson/Gale : New Haven etc. 2004) 94-95.
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  • IMAGE CREDITS
    banner: (detail) Raoul Hausmann, 'Mechanischer Kopf' (Der Geist unserer Zeit), 1918 [Collection Centre Georges Pompidou, Paris].
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