Home || Index || Sitemap || Contact || Newsletter

berlin newspapers

  • Jüngste Dichtung am Vortragstisch
  • Ein 'Autoren-Abend': zwischen den - teilweise sehr feinen - Bildern Erich Heckels im Graphischen Kabinett. Herr Richard Huelsenbeck, vor einem Jahr noch der (verschollenen) 'Neuen Jugend' Lärmprediger wider die Dicken, veranstaltet eine Sympathiekundgebung für die allerneueste Kunstrichtung, die ihre Führer, wohl weil nur die Kindgewordenen Anwartschaft auf das Himmelreich besitzen, "Da-Da-ismus" getauft haben. In Zürich haben sich, mitten im Weltkrieg, ein paar erlesene Geister aus vielen feindlichen Völkern brüderlich verbunden: nicht aber etwa, um Pazifismus zu treiben, sondern aus tiefinnerlicher Kriegsbegeisterung und heißem Willen, den Krieg (von Anderen!) fortsetzen zu lassen. Sie selbst leugnen die klassizistische Lügenpest, die Kantilene, den bel canto; überspringen die Grenzen zwischen den Künsten; schreien, heulen, johlen, pfauchen in allen erdenklichen und unerdenklichen Tonarten. Ein paar "Gedichte" des Programmredners zeigten, wohin der Weg gehen soll: in organisierten Wahnsinn, in restlosen Vernunftmord, in vollkommene Vernichtung von Schönheit, Größe, Geistigkeit, Musik. Aus ehrlicher Überzeugung von besessenen Flagellanten? Aber zwei - ganzlich epigonale, obwohl glatt geformte und gut klingende - Gott-Lieder dieses Herrn Huelsenbeck offenbaren die grenzenlose Unechtheit, mit der hier müßereiche Schreier, die sehr wohl auch anders können, übelstem Snobismus frohnen. Hohl, unernst, rüpelhaft, seelenlos, witzfern ist der "Da-Da-ismus", der den Aeternismus, sehr rasch, abgelöst zu haben scheint. Des Psychiaters, nicht des Kunstrichters, Zuständigkeit unterworfen.
  • Zum Glück kam es noch sehr viel besser. Max Herrmann bekundete erneut, wie wenig eine - oft starke - rhythmische Abhängigkeit seiner Verse deren tiefe, ganz eigen durchseelte Schönheit zu beeintrachigen vermag, und wie hinter allem, tragischen oder jubelnden, Aufschrei seiner Lyrik immer die blutwarme Menschlichkeit eines leidenden Gewissens wogt und, meistens unbedingt überzeugend, wirksam wird. Hans Heinrich v. Twardowski ist jünger. Er sieht wie ein sehr liebenswürdiger Ephebe aus und dichtet auch so, wo er den Mut zu seiner unselbständig-verschwärmten Knabenhaftigkeit aufbringt. Freilich äußert, auch anderwarts, seine Anlehnensbedürftigkeit sich bedenklich arglos; er ist der vorbildlich treue Leser Rilkes, der Lasker-Schüler, Däublers und wohl auch des Verfassers dieser Zeilen; und bewahrt seine Anhänglichkeit, indem er, wenig verwandelnd, behält, was er fand. Im Schatten des wuchtigen Theodor Däubler mutet er ungemein freundlich an, weil er kein gar so greisenhafter Jüngling ist. Wie aber wird Hofmannswald aus musikalischerer Erbe, ein Gliedvetter Freiligraths, zum Führer der Jüngsten, die, eben noch, aller Klassik, Kantilenen, Mythologie grimmig abschworen? Der unsinnliche, nur blitzhaft von prachtvoller Augenblicksanschauung durchfunkte Pomp seiner feierlich rauschenden Wortplastik bezaubert: doch lediglich für Sekunden; und erhabene Langweiligkeit dehnt dann sich weithin, allerdings mehr, als einen Schritt, stets entfernt von dem "Hjo-joho" - Gezeter derer um Huelsenbeck. Für die toten Dichter Stadler und Lichtenstein, für diesen in außerordentlichster Beherrschung ihrer feinen Kräfte, warb Frau Resi Langer. Des Elsässers - ungleichmäßig belebte - Streckverse, wie des genialen Berliners tragische Skurrilitäten, standen am Eingang der jungen expressionistischen Kunst, die heute, durch marktschreierisch-frivole Bluffer, so peinlich herabgewürdigt wird, und wirken, wahrscheinlich deshalb, fast bereits wie erstarrende Vorzeit.
  • Völlig vergangenheitlich berührt dann der Österreicher Anton Wildgans, für den, drei Tage zuvor, ein Vortrag des Herrn Dr. Richard Wittsack sich einsetzte. Der Redner gab überaus durchsichtige, oft auch scharfsichtige Deutungen von des Dichters Werk und Wesen, die beide er mir aber doch beträchtlich zu überschatzen scheint. Des Lyrikers (sehr erhebliche) Bedingtheit durch Rilke und viel Frühere blieb verschwiegen, und wenn auch der Kritiker die Mangel des Schauspiels 'Liebe' keineswegs zu vertuschen suchte, so stand er noch etwas zu sehr im Bann allzu hochgespannter Erwartungen an des Dramatikers Zukunft, um klar feststellen zu können, was, heute wenigstens, harte Tatsache ist: daß Wildgans, seiner ganzen Art nach, bestimmt scheint, fernab allem aufwühlenden Bühnenschaffen, schöne, aber immer schmächtige, monologische Lyrik fortzuspinnen. Deren Vorzüge belichtete Wittsack auch durch seine - gerade des Lehrers Milan Schwächen weiterpflanzende - Rezitation, und einzig ihren, für mein Gefühl, im Krieg erlangten Gipfel, den Gedichte wie 'Infanterie' erweisen, berücksichtigte er zu wenig; weniger, als die sozialen Verse, angesichts deren, wer immer heute sie schreibt, viel zu selten des (verkappt wirkenden) Einflusses von Holzs altem 'Buch der Zeit' gedacht zu werden pflegt. Jener Arno Holz revolutionierte ja auch einmal Lyrik und Weltanschauung; auch wer ihm nicht anhangen kann, muß seine starre, zähe Glaubigkeit verehren. Wo sie, wie bei den konjunkturschlauen "Da-Da-isten" der Snobzeit fehlt, bleibt alles Geschrei in Literatengezank haften, und jeder Gedanke versandet, ehe er noch geformt, in trübem Caféhausschwatz. Die lebendige Kunst aber geht, unbeirrt, weiter.
  • TEXT CREDITS
    Franz Graetzer, 'Jüngste Dichtung am Vortragstisch', in Berliner Börsen-Zeitung Beilage der Nr. 43, 26 January 1918. Reprinted in Karin Füllner, Dada Berlin in Zeitungen. Gedächtnisfeiern und Skandale. Veröffentlichungen des Forschungsschwerpunkt MuK 43 (Forschungsschwerpunkt MuK an der Universität - Gesamthochschule Siegen : Siegen 1986) 17-18.
  • top
  •  
  • IMAGE CREDITS
    banner: (detail) Raoul Hausmann, 'Mechanischer Kopf' (Der Geist unserer Zeit), 1918 [Collection Centre Georges Pompidou, Paris].
  •  
  • UPDATED