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  • Dadaismus in der "Tribüne"
  • Am Sonntag vormittag veranstaltete der Klub 'Dada' eine Extra-Riesen-Reklame-Vorstellung der 'Tribüne'. Richard Huelsenbeck (oder war es Mehring? War es vielleicht Huelsenring oder war es Ringbeck? Dies läßt sich nicht genau entscheiden, da sie hinter den Kulissen die Beine und die Nasen vertauschen) erklärte in Eile unter Paukenschlag, daß der Dadaismus keine Kunstbewegung sei. Er ließ durchblicken, daß bei dem zu erwartenden Klamauk nur die Dadaisten, die armen Priester und Bettelmönche des Dada, anwesend sein würden, während der Gott selbst, dessen Standbild vermutlich eine Art Buddha in Form einer Litfaßsäule ist, zu Hause bleiben werde. Mehring sprach ein Schieberkuplet, seine Stimme ist dünn und quäkend, ein Spinnenbein ist ein Schiffstau dagegen. Huelsenbeck vertrat im 'Reklamebureau Bum-Bum-Dada' die Vernunft, die in Amerika göttliche Verehrung genießt, ~ tanzte mit den Beinen Ehrlichs und Ehrlich mit den Beinen Großens einen Caketrott. Hausmann benahm sich laut und klinisch, Baader, als Präsident des Weltalls, hatte etwas von einem schwarzen Regenschirm, der sich aus einem tiefsinnigen Grunde zu wandeln entschlossen hat: er war der Einzige, in dem die esoterische Stimmung des Dada, die versprochenermaßen zu Hause hätte bleiben sollen, aus Schraubstockwürde und Puppengelassenheit zum Vorschein kam. Sein großer Germanenschädel ragt verloren über den Lärm hinaus, und ist schlechterdings unbegreiflich, weshalb das Grammophon bei seinem Auftritt nicht das Volkslied 'Verlassen, verlassen, verlassen bin i' zu spielen begann.
  • Der Erfolg war ungeheuer. Ein Psychiater in der zehnten Reihe machte ein dummes Gesicht, ein Neukantianer in der fünfzehnten Reihe schwitzte eigroße Tropfen und murmelte schließlich, einer Ohnmacht nahe: "Synthetischer Nihilismus", einem Kriegsbeschädigten in der letzten Reihe aber liefen die dicken Tränen die Backen herunter, woraus zu vermuten ist, daß er die Frage: Was ist Dadaismus? in seinem Herzen unzweideutig beantwortet hatte. Allein all diese Erfolge versanken in nichts vor dem Gestampfe, Geklatsch, Gepfeif des Parketts, das sich auf diese Weise willig dahinziehen ließ, wo Dada es haben will, höchstens daß der Publikumslärm, zwischen Ironie und Hysterie schwankend, nach mancherlei Monologen und Dialogen durch die Veranstaltung einer dadaistischen Knarr-, Schnarr-, Pauk- und Rasselsymphonie noch übertroffen wurde. Dies freilich hätte - bei einem vollkommenen Sieg - nicht geschehen dürfen. Denn das Ideal wäre, daß das Parkett mit Schreien, Schlüsseln und Trompeter die Geräusch- und Ulkwirbel der Bühne überwachst, sich selbst als Ausverkauf des gesamten kulturellen Besitzstandes etabliert und die Behauptung aufstellt, Dada sei im Publikum und nicht auf der Bühne. Auf dem menschlichen und politischen Theater sind wir ja von diesem Idealzustand nicht mehr allzu weit entfernt. Und weil es so ist, deshalb ist Dada: eine Unheilsarmee, nach dem Muster der Heilsarmee.
  • Lg.
  • TEXT CREDITS
    P.H., 'Da-Da. Literatur-Narrheiten in der Sezession', in Berliner Börsen-Courier Nr. 562 (1st Supplement) December 2, 1919. Reprinted in Karin Füllner, Dada Berlin in Zeitungen. Gedächtnisfeiern und Skandale. Veröffentlichungen des Forschungsschwerpunkt MuK 43 (Forschungsschwerpunkt MuK an der Universität - Gesamthochschule Siegen : Siegen 1986) 33-34.
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  • IMAGE CREDITS
    banner: (detail) Raoul Hausmann, 'Mechanischer Kopf' (Der Geist unserer Zeit), 1918 [Collection Centre Georges Pompidou, Paris].
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