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  • Da-Da. Literatur-Narrheiten in der Sezession
  • Alle und aller Erwartung war auf dies Resultat gerichtet: ein niedlicher kleiner Klamauk. Zu Zeiten früherer Literaturrevolutionen soll derartiges mal öfter vorgekommen sein. Man erzählt von einem Abend, da Otto Erich Hartleben die Pierrot Lunaire-Rondels vorlas. Hernach ging ein junger Dichter, der in die Ulkstimmung mit seinen Sachen unschuldigerweise hineingeraten, hin und erschoß sich. Man erzählt auch von dem Licht, das man Wedekind gelegentlich einmal ausgedreht. Die Dadaisten werden nicht hingehen und sich erschießen. Sie haben gute Nerven, und der Radau gehört sozusagen zu ihrem Programm. Er ist eine dadaistische Sensation. Als das erste Lachen, die ersten Pfiffe, die ersten Rufe laut wurden, mahnte Richard Huelsenbeck, sich nicht zu eilig zu verausgaben: es käme noch genug Gelegenheit. Und es wurde wirklich nett. Einige gebärdeten sich veitstänzerisch. Ein junger Dichter, in Wutekstase, erbrach weißen Schaum. Man bot sich Ohrfeigen an. Der Höhepunkt war Marinettis 'Beschießung', ein Gedicht wie aus einer Wortlotterie, das Huelsenbeck mit einem Trömmelchen und einer Kinderschnarre begleitete. Keile lagen in der Luft. Man sah schon Lovis Corinths Bilder von Stuhlbeinen zerfetzt. Doch kam es nicht ganz so weit. Als Raoul Hausmann Programmatisches über dadaistische Malerei in den Lärm hineinschrie, drehte ihm die Leitung der Sezession das Licht aus. Jedenfalls hatte der Abend sein Ziel erreicht: Radau. Die dadaistischen Dichter wie die dadaistischen Temperamente im Publikum, zogen befriedigt von der Musik der Urlaute, von der Kunst der Interjektionen, ins Café des Westens und in benachbarte Gegenden.
  • Wenn man mich nun fragt, was Dadaismus sei: ich weiß es nicht. Dadaismus ist alles; vornehmlich aber Radau. Radau in allen Tonarten. Richard Huelsenbeck verlas eine große programmatische Proklamation. Sie war sehr temperamentvoll und durch Frechheit belustigend. Es ging den Expressionisten, die den Namen einer Bewegung, die etwas so Gewaltiges hätte werden können wie die Gothik, zu einem üblen Firmenschild gemacht. an den Kragen. Was haben sie erzielt, die Weltverbesserer, die Melioristen? Haben sie den Geist Europas zur Ekstase getrieben? Sie haben mit der Geste der Geistigkeit Geschäfte gemacht. Der jüngste Tag dämmerte furchtbar. Dann sausten wir von Buenos-Aires zum Kaukasus, von da nach Montevideo. Bars, Schieber, Bankrotteure, Dirnen, Detektivs, internationales Lumpenzeug waren unsre Gesellschaft. Der Dadaist liebt sie. Er ist kein Weltverbesserer. Er glaubt nicht an das Feste. Er ist Relativist, aber kein passivistischer und pazifistischer. Er ist ein Fanatiker der Bewegung, fern aller Sentimentalität. Das Leben ist wichtiger als die Kunst. Er ist Internationalist und Individualist. Ständig muß er die Elemente seiner Persönlichkeit aus dem Chaotischen herausreißen, und doch jeden Moment bereit sein, sich selbst aufzugeben. Seine metaphysische Erkenntnis ist die der Brutalität. Dada ist das primitivste Verhältnis zum Leben und das intensivste zugleich. Der Dadaismus ist die Kunst der gesteigertsten Bewegung, und derjenige ist der größte Künstler, der das bewegteste Leben hat. Das Verhältnis zu den Dingen ist Hingabe und Ironie zugleich. Ideal: der Sensationsfilm.
  • Radau gehört also zum Programm. Else Hadwiger las Futuristisches. (Zum Futurismus verhält sich der Dadaismus wie - sie reiten recht schnell - die Renaissance zur Antike). Buzzi und Altomare waren zu ertragen. Dann spielte George Groß Niggersongs singend, mit amerikanischer Boxermiene, Fußball mit den Schädeln der Zuhörer. Diese Kunst heißt Brutismus. Radau! Dadaistische Kunst wurde nicht vorgesetzt. Die Illustrierung des Begriffs überließ man dem Publikum. Mir schien, daß alle Teile befriedigt waren. Es klappte!
  • P.H.
  • TEXT CREDITS
    P.H., 'Da-Da. Literatur-Narrheiten in der Sezession', in Berliner Börsen-Courier 13 April 1918. Reprinted in Karin Füllner, Dada Berlin in Zeitungen. Gedächtnisfeiern und Skandale. Veröffentlichungen des Forschungsschwerpunkt MuK 43 (Forschungsschwerpunkt MuK an der Universität - Gesamthochschule Siegen : Siegen 1986) 21-22.
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  • IMAGE CREDITS
    banner: (detail) Raoul Hausmann, 'Mechanischer Kopf' (Der Geist unserer Zeit), 1918 [Collection Centre Georges Pompidou, Paris].
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