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  • Expressionisten-Abend
  • Ich hege den Verdacht, daß es nicht schwer ist, expressionistisch zu dichten. Sonst würden wir nicht erleben, daß plötzlich eine ganze Generation auf dieselbe Weise dichtet, auf eine Weise noch dazu, die - sollte man meinen - nur einern ganz originellen Menschen und verrückten Stiebel einfallen könnte. Es wird hier ebenso sein, wie damals, als alle Welt naturalistische Gedichte machte: die Strömung war da; was jung war und Ehrgeiz hatte, tat mit; Talent gehörte nicht viel dazu, und geblieben ist von all den neuen Genies kaum eins. Ich fürchte, es wird diesmal ebenso gehen.
  • Der gestrige, reichlich bewegte Expressionistenabend im Harmoniumsaal brachte als sympathischste Nummern Werner R. Heymanns Kompositionen von allerlei Gedichten. Er wählt als Texte einen Kriegsgruß des gefallenen Walther Heymann, Verse von Klabund, Rilke, Nietzsche. Meinen Dilettantenohren gingen seine Melodien und Harmonien angenehm ein; allein ich darf darüber nicht urteilen. Ferner las ein Herr Paul Bayer ein Gespräch vor: 'Die Sonnenanziehung und die gelbe Gefahr', und trat in anspruchsvoll expressionistischer Form die sehr landläufige Beobachtung breit, daß die Völkerwanderungen von Osten nach Westen verlaufen, und daß diese Erscheinung wahrscheinlich mit dem Lauf der Sonne zusammenhangt. Johannes R. Becher brachte, seltsam stockend, aber nicht wirkungslos, ziemlich umfangreiche Gedichte, denen Wucht und Anschauungskraft nicht abgesprochen werden soll (z.B. 'Der Wald' - trotz des zu Tode gehetzten Vergleichs). Nun trat Resi Langer auf und las, gewandt, unbeschwert, siegessicher. Verse des gefallenen Alfred Lichtenstein. Dieser Begabte, aber Ungereifte hat genau so gedichtet wie die Expressionisten, Futuristen, Kubisten malen: man sollte nicht glauben, daß die Grenzen von Malerei und Dichtkunst so wenig scharf sind. Das seelische Erlebnis dieser Lichtensteinschen Gedichte scheint mir die Sinnlosigkeit des Daseins, das Chaos. Freilich würde ich seine Kunst impressionistisch nennen in einem Grad, wie es zur Zeit des offiziellen Impressionismus niemand gelungen ist: der krasse Eindruck auf die Sinne, der Wechsel und die Zusammenhanglosigkeit der Bilder werden virtuos festgehalten. Vielleicht aber würde Lichtenstein, wenn er noch lebte, seinen Expressionismus verteidigen mit der Begründung: er dichte nicht, was er sehe, sondern was er wisse. Die Art, wie Resi Langer vortrug, riß einen Herrn aus dem Publikum hin, laut zu protestieren. Es war der Lyriker Wolfenstein. Resi Langer, mehr schlagfertig als vornehm, erwiderte persönlich. Das Publikum verstand nicht, worum es sich handelte, und verhielt sich passiv. Wolfenstein hatte aber vollkommen recht; Lichtensteins tragische Grotesken im Ton einer Kabarettsoubrette auf Pointen und billige Effekte hin zu sprechen, ist Unfug. Man sollte der Dame nicht gestatten, die Interpretin von literarischen Dingen zu machen, die sie nicht versteht.
  • Im zweiten Teil des Programms las Emmy Hennings, ein gebrechliches Wesen mit leidendern Knabenkopf, talentvolle Bohèmegedichte in Prosa und Versen vor. Und dann kamen die Expressionisten ohne Maß und Ziel. Das Publikum fing an, sich über die ernsten Gesellen auf dem Podium und ihren pompösen Unsinn zu amüsieren. Ich ging vor dem Schluß und weiß also nicht, was etwa noch daraus geworden ist.
  • M.G.
  • TEXT CREDITS
    M.G., 'Expressionisten-Abend', in Berliner Börsen-Courier, 14 May 1915. Reprinted in Karin Füllner, Dada Berlin in Zeitungen. Gedächtnisfeiern und Skandale. Veröffentlichungen des Forschungsschwerpunkt MuK 43 (Forschungsschwerpunkt MuK an der Universität - Gesamthochschule Siegen : Siegen 1986) 10-11.
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  • IMAGE CREDITS
    banner: (detail) Raoul Hausmann, 'Mechanischer Kopf' (Der Geist unserer Zeit), 1918 [Collection Centre Georges Pompidou, Paris].
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