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  • Gedächtnisfeier für gefallene Dichter
  • Bei dieser Feier für Ernst Stadler, Hans Leybo1d, Ernst Wilhelm Lotz und Charles Peguys sprachen Dichter über Dichter, Freunde über Freunde. Daher waren die Reden nicht runde Bilder, nicht Worte über Abgeschlossenes, sondern (was als einziges diese Stunden feierlich machte) es waren Berichte über ein Werden; Darstellungen einer unendlichen Entwicklung, die abbrach ohne innere Notwendigkeit. Die Nachricht von dem Tode der jungen Dichter kam in das Ende der Reden wie ein Nebensachliches, Unwirkliches, nicht Glaubbares. Die Sprechenden verkündeten den Glauben an die schöpferische Mission der Gefallenen, an die Tat ihres unvergänglichen Geistes. Die Worte der Freunde waren schamhaft. Keiner versuchte, den Freund zu sezieren, ihn analytisch wiederherzustellen. Sie waren ihnen noch zu nahe. Das Menschliche und in Beziehungen zum Freunde Ausgeprägte wurde gestreift, kurze Tatsächlichkeiten berichtet.
    Gedichte, darauf vorgetragen, sagten mehr als die Redner.
    A.R. Meyer sprach über Stadler. Beherrschter und korrekter Vortrag, der klar und geradlinig sein will. Man weiß hinter jedem sicher gewählten Wort eine Leidenschaft, die mehr soll, als konstatieren.
    Kurt Hiller, politisch und tendenziös, sprach von seinem Freunde Lotz als einem, der sich entwickelte, zum Dichter des politischen Geistes, Werber höchster menschlicher Gemeinsamkeit.
    Hugo Ball, der schon den Abend eingeleitet mit vorsichtigen und hergebrachten Worten (was überrascht hatte), erzählte über Hans Leybold. Es war nicht Wirrnis, wie es scheinen konnte im Vergleich zu den beiden vorhergegangenen Reden. Es waren Worte, Sätze, Fetzen aus Gesprächen, Stücke aus Gedichten, Anekdoten, Verhöhnung, Haß, Zweifel, Drang. Es war die einzige Form, über Leybold zu sprechen.
    Richard Huelsenbeck sprach über Charles Peguy, den Dichter und Politiker. Er ist, wie Ball, aggressiv und fassend, doch hat er nicht dessen Sicherheit und ausschweifende Kraft.
  • Resi Langer trug Gedichte der Gefallenen vor. Alle Verse, die wild und bunt sind, waren in ihrem Vortrag einzigartig und gut wie immer. (Leybolds Gedichte; von Stadler: Der Aufbruch.) Die Gefühligen manchmal etwas zu weich. Sie sprach noch drei Gedichte von Walter Heymann.
  • TEXT CREDITS
    B. Sch., 'Gedächtnisfeier für gefallene Dichter', in Berliner Börsen-Courier Beilage der Nr. 74, 13 February 1915. Reprinted in Karin Füllner, Dada Berlin in Zeitungen. Gedächtnisfeiern und Skandale. Veröffentlichungen des Forschungsschwerpunkt MuK 43 (Forschungsschwerpunkt MuK an der Universität - Gesamthochschule Siegen : Siegen 1986) 6.
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  • IMAGE CREDITS
    banner: (detail) Raoul Hausmann, 'Mechanischer Kopf' (Der Geist unserer Zeit), 1918 [Collection Centre Georges Pompidou, Paris].
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