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  • Dada Tribüne
  • I.
    Von Dadaisten traten diesmal in Tätigkeit: Huelsenbeck (ein im Grunde kluger und straffer Sohn Berlins; chaotisch wird er nicht aus Dionysiertum - sondern wohl aus Überdruß, aus Ungeduld, auch Schlamperei; und wenn er Geld braucht).
  • Zweitens: Walter Mehring; vielleicht erstens Walter Mehring. Die satirische Begabung der Gruppe. Denn er hat pectus oder Leidenschaft. Er spuckt witzige Saloppheiten, aus Haß; aus Ekel vor allerhand Widerlichem der Zeit; vor kaffriger Mode; vor der platten Roheit des neuen Volksmunds; vor dem Phrasenschwindel; ist antimilitaristisch, antinationalistisch.
  • Drittens: der Zeichner Groß. Er tanzt Foxwalk und Caketrott (das wäre schon ein dadaistischer Witz! denn es gibt auffallend viel unzureichende dadaistische Witze) - er tanzt also fast wie ein Berufstanzer aus dem Wintergarten.
    Nur fast. Jedoch der Jubel seiner Getreuen (welcher mäßig wäre, falls ein Berufstanzer so tanzte) schwillt glückselig an, weil er "fast" so gut tanzt ... Obwohl doch, wie mir scheint, der Jubel dann so schwellen sollte, wenn er besser als ein Berufstanzer tanzte - noch? Merkwürdig.
  • II.
    Aber der Groß ist in jedem Fall ein guter Stegreifsprecher. Neulich hat er, als die Hörerschaft in einer Pause kribblig nach der Fortsetzung trampste, beschwichtigend gesagt: "Haben Sie noch einige Minuten Geduld - Sie hatten ja vier Jahre lang eine grenzenlose Geduld!"
  • (Das sind Lichtpunkte, Glanzstellen in der Entwicklung des Dadaismus; die man mit ehernem Griffel, schon wegen der Seltenheit, verzeichnen muß.)
  • III.
    Viertens: Wieland Herzfelde. Wenn es einen Wein 'Ruster Ausbruch' gibt: so ist Herzfelde der Ausbruch im Dadaistischen. Er hat ein Ausbruchsgeblüt.
    Wie beim Hebbel der stumme Daniel in Bethulien plötzlich furchtbar schreit: "Steiniget ihn! Steiniget ihn!" - so belebt Herzfelde die Versammlungen durch einen markschneidenden, jähen Ton, daß die Schlaganfälle sich in der Hörerschaft haufen.
  • Er hat jedoch ein Gedicht an seinen Bruder gemacht (oder sein Bruder an ihn?), das von den Mitdadaisten verachtet wird -, indem es wirklich wundervolle Klänge seelischen Schweifens birgt; und fahrig-schönes Empfinden aus der Tiefe.
  • Fünftens: Raoul Hausmann. (Mußten seine Eltern ihn Raoul nennen? "Raoul" ist das Gegenstück zu "Rolf". Beides gleich lieb.) Raoul, welcher an diesem Vormittag meinen Namen in Beziehung zu Shakespeare brachte und so den einen von uns beiden ehrte - Raoul wurde bei der vorletzten Dada-Versammlung mit Unrecht niedergeschrien, übertaubt, verbrüllt - obschon er sorglich und emsig gefügte Arbeiten vorliest, welche, falls man das K ... Ko ... Kosmische hartherzig entfernt, fast einer mittleren Bierzeitung die Waage hielten.
  • IV.
    Dies Kosmische bleibt halt ein Verdunkelungsmittel. Man zwinge die Menschen: ohne jede Weltanschauung, ohne Schmonzes, ohne Vertiefung witzig zu sein - und sie befinden sich in der größten Verlegenheit.
  • Das gilt für extra et intra Dadaismum.
  • V.
    Siebentens, achtens, neuntens: ein Unbekannter, welcher, wenn mir recht schwant, dadaistische Lyrik zu bespaßen wünschte. Dadaismus ist Wurstigkeit gegen alles Heroische; gegen alles Ernstzunehmende; gegen alles Kulturlose; gegen alles Pathetische; und wenn Huelsenbeck Geld braucht.
  • Also Nummer Sieben-Acht-Neun verspottete die Lyrik der Dadaisten; ein kleiner Autoaristophanes. Er tippte neckisch an mancherlei Abkürzung für das Empfindungsleben ... und bediente sich der mathematischen Formel pi derart, auch mit Wiederholungen, daß die Hörerschaft sich eines Entzückens über solcherlei Glanz nicht erwehren konnte. Sie konnte halt nicht.
  • Auch als er immer dasselbe sagte - die Zustimmung war gleich stark.
  • Vergaß ich den Dadaisten Baader? Beinahe. Baader ist eine starke Kraft im Wiederholen der gleichen Sätze. Fachmann für das Tellurische. Die Sprechweise schwäbisch. Er hat sich am innigsten, am dauerbarsten hineingekniet.
  • Ein Dada, still und für sich, der mehr Vergnügen empfindet, als er bewirkt. Vergaß ich etwa Baader? Niemand vergißt ihn.
  • VI.
    Also es gibt in Berlin eine Gesellschaft 'Schlaraffia'. Leute, die sich mit Lust zum Narren machen.
  • Ist hier auch eine Schlaraffia? Sie hat sicherlich andre Ausdrucksformen. Der Satz erklang am Sonntagvormittag: "Laß dir den Bauch bemalen". Dazwischen (mit einer Literatenanspielung auf das Buch Leonhard Franks 'Der Mensch ist gut') der parodistische Satz: "Der Mensch ist gut! der kann so bleiben!"
  • Diesen Witz würde genau so ein Thielscher (wenn er von Leonhard Franks Existenz etwas ahnte) bei vollem Jubel von zweitausend Bürgern (wenn sie von Leonhard Franks Titel etwas ahnten) im Palasttheater machen.
  • Ein Minister wird erwähnt ... Liest man derlei, so zuckt kein Mensch mit der Wimper. Völlig witzleer. Wird es vor dreihundert Menschen bloß erwähnt, - so geht ein jubelndes Rauschen durch die Versammlung.
  • VII.
    Aber das ist im Grunde der Schwank von Leon Treptow - oder wie hieß der Mann? Nein, es ist Dadaismus.
  • Hier genügt ein Anspielen: ein schlampiges Ungefahr. Der Jubel stellt sich ein.
  • Alles wird umläutet von Bumbum, Kindertrompeten und Schnarren (oder 'Waldteufeln', wie man das in Schlesien heißt).
  • Es kommt mir vor. als ob jemand, dem nichts einfallt, zum Geburtstag schreibt:
    "Viel Glück zum neuen Lebensjahr. Ich bringe dir ein Blümchen dar",
    wobei er die Kindlichkeit schelmisch betont ... weil ihm halt nichts einfällt. Man verbiete dem Mann das Kindlichtun - und er ist in der größten Verlegenheit.
  • VIII.
    Das Ziel der Dadaisten ist gut: Ulk mit Weltanschauung. Aber die Weltanschauung al1ein darf die mangelnde Kraft zum Ulk nicht vertuschen.
  • Geht auf das Märtyrergebirg (obschon Frankreich unsere Gefangenen immer noch zurückhalt). Seht. wie dort Zeitsatire gekonnt ist. Bewältigt; gemeistert. schlagend. klappend.
  • Nicht gestümpert - unter dem Vorwand von Lebensgefühl und so.
    Kulturlosigkeit, meine Lieben, wird nicht mit Kulturlosigkeit bekämpft. Können muß man auch was.
  • IX.
    Um unsere tol1e Gegenwart zu zeichnen, sind ... ich will nicht sagen: andere Kerle nötig; man könnte sogar von diesen hier den einen oder anderen fast brauchen. Bei erörterungsfähiger Führung.
  • Doch eine andere Gesammeltheit, ihr Dadas, tut not. Ein anderes Ethos.
  • Ein wirkliches Ethos im Künstlerischen.
    Ein Blitz - und nicht eine Verabredung. Ein Mensch - und nicht eine Schlaraffia nova. Ein Genie - und nicht ein Verein.
  • Alfred Kerr
  • TEXT CREDITS
    Alfred Kerr, 'Dada Tribüne', in Berliner Tageblatt December 1, 1919. Reprinted in Karin Füllner, Dada Berlin in Zeitungen. Gedächtnisfeiern und Skandale. Veröffentlichungen des Forschungsschwerpunkt MuK 43 (Forschungsschwerpunkt MuK an der Universität - Gesamthochschule Siegen : Siegen 1986) 28-31.
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  • IMAGE CREDITS
    banner: (detail) Raoul Hausmann, 'Mechanischer Kopf' (Der Geist unserer Zeit), 1918 [Collection Centre Georges Pompidou, Paris].
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