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  • Offener Brief an die Novembergruppe
  • Vorbemerkung
    Die heutigen Leiter der Novembergruppe erklären andauernd, daß die Novembergruppe nur eine rein ästhetisch-revolutionäre Gründung mit ökonomischen Grundlagen sei. Sie sagen die Unwahrheit. Das erste Zirkular, das zur Gründung aufrief, betonte ausdrücklich das Zusammengehen der 'revolutionären' Künstler mit der Revolution. Die ersten Richtlinien beginnen mit den Sätzen: "Unserer jahrelangen Kampfansage ist endlich der Kampf gefolgt. Die politische Umwälzung hat für uns entschieden. Maler, Bildhauer, Architekten des neuen Geistes, die Revolution fordert unsere Sammlung!" Und fährt fort: "Die Novembergruppe ist die (deutsche) Vereinigung der radikalen bildenden Künstler ... ist kein wirtschaftlicher Schutzverband, kein bloßer Ausstellungsverein." Im März 1919 1ieß die Gruppe eine "Erweiterung im universellen Sinn" unter den Mitgliedern zirku1ieren mit nachfolgenden Stichworten "Befo1gung und Pflege des Weltgedankens. Verlassen der Basis einer Vereinsgesellschaft." Ferner ein Manifest 'Geistige Kämpfer in aller Welt! Dröhnend quoll Blut vom Gemetzel zu Haufen, Millionen Leichen türmten sich und ihre Knochen meißelten den Sarkophag. Hungerschweiß der Unglücklichsten jagte Lungen hin und düngte verdorrte Rasen. Aus ihrem Schoße gebar sich das Göttliche - die Erde riß - die höllische Glut verschlang die Despoten, Ordensgötter das Kriegsgemetzel ... Die Erlösung naht. Brüder der Welt auf die Knie, unsere Unschuld ist wahr, unser Gewissen ist rein. Brüder der Welt, Kämpfer gegen Haß, Kämpfer gegen Revanche, eure Seelen heraus, verbunden zu einem stahlernen Turm, aller Granit der Erde staut euer Fundament. Erleuchtung in Ballen funkt euern Herzen Vernunft. Der Gedanke von der Vereinigung der Völker kommt zum Rollen, die Weltarmeen der Proletarier haben die Sterne ergriffen, schleudern und bauen im himmlischen Hunger, nach Recht und Liebe, - den freien Menschen. ... Brüder, ihr Geistigen und Künstler, Gott gebar euch zu höchstem Tun, euer Werk soll Völker heiligen, euer Werk der Nerv des Volkes, ... Künstler! Schwestern, Freunde - Brüder, euere Hand brauchen wir zum opfern, zu einiger Arbeit unter dem Himmel, - findet euch zum Bruderschwur, - ein 'Kongreß freier Kunst und der Geistigen' am Geburtstage der Republik in Berlin, wo ihr empfangen werdet vom internationalen Kunstamt der Novembergruppe. Brüder, Herzen und Augen hoch, hoch zum Firmament, und der lächerliche Grenzstein gibt kein Hindernis für ein Vereintsein in unserer aller einzigem Vaterland - der Welt - der Erde!"
  • Man wird wohl nicht behaupten können, daß hier nur, wie die Prominenten dies heute auszulegen versuchen, die Veränderung der Formen der Malerei oder Plastik gemeint war. Was aber taten diese Herren, um ihre in Zirkularen und Manifesten so wohltonend ausgedrückten Gedanken zu verwirklichen? Zu Anfang des Jahres 1921 legten die Prominenten dem Arbeitsausschuß der N.G. den hübschen Plan vor, "eine sachsen-weimarische Akademie zu gründen, deren Mitglieder Professoren werden sollten. Als Professoren kamen in Frage die Herren Melzer, Klein, Tappert, Herzog, Braß, Belling. Man sollte als äußeres Erkennungszeichen ein Bändchen im Knopfloch tragen. Diese Professoren waren dann die offiziellen Repräsentanten der N.G., Ihre Aufgabe ware es, in die neue Akademie Prominente anderer Berufe zu wählen (etwa Einstein)." Dieser Versuch, Mitglieder erster und zweiter Klasse zu schaffen, fiel zwar zunächst durch den Widerstand der übrigen Mitglieder unter den Tisch, aber die Absicht, sich in die bessere Klasse der Bourgeoiskünstler zu erheben, ist nicht fallen gelassen worden, ihre Verwirklichung scheiterte vorläufig daran, daß die Prominenten sich gegenseitig bekämpfen. Der angeführte Tatsachenbruchteil dürfte genügen, um unseren Protest verständlich erscheinen zu lassen.
  • Die Novembergruppe wurde angeblich gegründet von den Künstlern, die außerhalb der Taktiken und Schiebungen der snobistischen Künstlerklubs und der Kunsthändlerspekulation eine revolutionäre Sehnsucht nach einer reineren Gemeinschaft und nach einern Zusammenhang mit den Massen der Arbeitenden verwirklichen wollten. Darum schlossen sich der Novembergruppe junge und proletarisch gesonnene Künstler an. In unzähligen Sitzungen und Aussprachen wurde immer wieder betont, daß die Novembergruppe nur Grenzen nach rechts, aber keinerlei Grenzen nach links zu errichten habe. Keinen Augenblick lang dachte eines der führenden Mitglieder daran, irgendwie, durch die Klarheit seiner Einstellung gegenüber der proletarischen Revolution etwa, Ernst zu machen mit dem Aufgeben der in jeder anderen bürgerlichen Künstlergruppe üblichen Prominentensituation - sie hatten nur mit gleißnerischen Redensarten eine Meinungsverwirrung hervorgerufen, um nun umso besser in der alten, lumpigen Künstlermanier ihren eigenen Individualitätsdünkel zu stärken durch eine von ihnen als Herde betrachtete möglichst große Mitgliederzahl, auf die sie von der Höhe ihres Ruhmes verachtlich herabblickten. Statt irgend einer versuchten Ablehnung der dem Künstler in der kapitalistischen Gesellschaft aufgezwungenen Drohnen- und Prostituiertenrolle taten diese Prominenten alles, um sich und ihre persönlichen Interessen mit Hilfe der als Stimmvieh benutzten Mitglieder durchzusetzen. Sie stellten Statuten auf, die jede Spur von Freiheit und Kameradschaft vermissen lassen, sie buhlten urn die Gunst einer von Ludendorff, Kapp und Stinnes am Halfter gehaltenen Regierung und sie gingen in ihrer Schamlosigkeit und Gesinnungslosigkeit so weit, daß sie sich willig von dieser Regierung und ihren Subalternen beschimpfen und vergewaltigen ließen.
  • Ihre Herzen und ihre Gedanken sind unrevolutionär, und, noch viel schlimmer: sie haben eine Höhe der Gesinnungslosigkeit erreicht, die es unmöglich macht, mit ihnen weiter zu sprechen, wie Menschen zu Menschen sprechen sollten. Den Prominenten war es bekannt, daß unter den jungeren Mitgliedern eine gewisse Anzahl den Glauben an die proletarische Revolution besaß und die Notwendigkeit der Einordnung des Künstlers in die Masse der Werktätigen fühlte, daß ein gewisser Teil der Mitglieder nicht Künstler im Sinne der bürgerlichen Kulturvorstellung sein wollte, weil sie nicht in der Aufstellung einer angeblich revolutionären Ästhetik den Weg zur Befreiung ihres Menschlichen erblickten, sondern das Entscheidende des Künstlerseins darin suchten, Instrument der schlummernden Sehnsüchte der Massen nach einem reinen und unvergifteten Leben zu werden und weil sie nicht mehr mit Werten, die der bürgerlichen Ästhetik entlehnt waren, eine menschliche Arbeitsmethode oder Bemühung als hochfahrende und dünkelhafte Sachverständige durch eine willkürliche Jurierung aburteilen und erledigen wollten.
  • Alle Hoffnungen und Wünsche dieses Teils der Mitglieder wurden von den Prominenten zum Teil mit Kaufmannskniffen und mit lügenhaften Hinweisen auf die "bekannte Uneinigkeit der Künstler", zum anderen Teil unter brutaler Ausnützung ihrer Machtmittel zunichte gemacht. Die korrumpierte Clique der Prominenten behielt ihre Diktatorengeste bei, sie setzte allen Bestrebungen nach einem wirklich revolutionären und menschlichen Ziel hin ihr Nein entgegen und sie schamte sich nicht, einzugestehen, daß eine Verwechslung oder gar Gleichsetzung der Aufgaben der Novembergruppe mit den revolutionären und menschlichen Aufgaben der Zeit ihnen unangenehm und verhaßt war, weil sie ihnen, den Prominenten, das Geschäft und den Ruhm verdorben hätte. Was half es, wenn der revolutionäre Teil der Mitglieder anläßlich der Drohungen und Schwierigkeiten, die der N.G. wegen ihrer Beteiligung an der Großen Berliner Kunstausstellung am Lehrter Bahnhof von seiten des Kultusministeriums gemacht wurden, eine scharfe Stellungnahme gegen diese Behörden forderte? Nichts, denn die Prominenten hatten ihren Ruhm und ihre Pfründe zu retten, gegen die Absichten der lebendigen Kräfte der Gruppe. Das Ministerium hatte gedroht, die Abteilung der N.G. nicht eröffnen zu lassen, wenn wieder, wie im Vorjahre Arbeiten ausgestellt würden, die den Anschauungen der Behörden über Kunst nicht entsprachen. Man beugte sich; der Vorsitzende der Ausstellungsleitung der Großen Berliner, Schlichting, machte seine ganze verlogene Moral gegen zwei ihm mißliebige Bilder von Rudolf Schlichter und Otto Dix mobil, er drohte mit dem Staatsanwalt, und auch die Gruppe, fand man, musse sich beugen; der Reichspräsident Ebert walzte bei der Eröffnung durch die Sale und gab der Zwecklosigkeit der Bemühung Ausdruck. Und diese Knechtsseelen von Künstlern waren befriedigt - ihre Eitelkeit hatte sich in der Nähe des "Herrschers" sonnen dürfen, dieses Lakaien des Ausbeutertums und Förderers der Ausnahmegerichte. Die Prominenten haben alle Ohrfeigen für ihre Gesinnurigslosigkeit erhalten, wir aber, die wir uns verantwortlich fühlen für eine unbeschmutzte Menschlichkelt, wir haben nie und nimmermehr etwas mit ihnen gemein. Unsere Liebe gehört dem Proletariat, weil nur das Proletariat im Kommunismus die Gleichwertigkeit aller Menschen und aller Arbeitswerte und die Freiheit von der Sklaverei und Ausbeutung herbeiführen wird. Wir sind nicht dazu Künstler, um auf eine bequeme und verantwortungslose Art zu leben von der Ausbeuter Luxussucht. Wir fühlen uns solidarisch mit dem Streben und der Sehnsucht des Proletariats nach der Verwirklichung einer menschlichen Gemeinschaft, in der es keine Drohnen gibt, in der man nicht, wie wir jetzt, aus Widerspruch gegen die Gesellschaft arbeitet, um dann als Parasit aus lhrer Gnade zu leben; wir fühlen die Verpflichtung, die uns das Ringen des Proletariats der Welt nach einem mit reinem Geist durchdrungenen Leben auferlegt. Wir spüren die Verpflichtung, mit den Massen zusammen die Wege der Verwirklichung dieser Gemeinschaft zu gehen. Und darum sagen wir den Prominenten: Es muß als Ziel angesehen werden, die ästhetische Formelkramerei zu überwinden, durch eine neue Gegenständlichkeit, die aus dem Abscheu über die ausbeutende bürgerliche Gesellschaft geboren wird, oder durch vorbereitende Versuche ungegenständlicher Optik, die ebenfalls in Ablehnung dieser Ästhetik und Gesellschaft eine Überwindung der Individualität zu Gunsten eines neuen Menschentypus sucht. Für diese Willensrichtungen ist in der N.G., wie sie jetzt zusammengesetzt ist, kein Verständnis und kein Platz; die Prominenten bezeichneten ein solches Wollen als Kitsch und Unsinn und betonten demgegenüber ihren ästhetisierenden Standpunkt, der einer Diktatur der Geschmäckler und Kaufleute über die energisch vorwärtsstoßenden Mitglieder gleichkommt.
  • Die N.G. hat nicht die Aufgabe, den täuschenden Sammelnamen für ein Mitläufertum herzugeben, das zehn Jahre in der Geschichte nachhinkt, und unsere Opposition muß sich dieser Diktatur erwehren, die Prominenten abschütteln und durch unseren Austritt die einzelnen vor eine Entscheidung stellen. Die Tätigkeit der Prominenten, die obendrein ratlos sind und daher nie leiten, sondern nur in ihrern persönlichen Interesse unterdrücken können, hat zu den elendesten Kompromissen wie zum Beugen unter die Anordnungen des Kultusministeriums und den Verein Berliner Künstler geführt; sie hat dazu geführt, die N.G. zum Gipfel der Ahnungslosigkeit gegenüber der Öffentlichkeit zu machen und sie hat dazu geführt, durch die Duldung der Bestrebungen der proletarisch Gesonnenen der Gruppe eine revolutionäre Maske zu verleihen; sie hat alle vorwärtsstrebenden Geister, soweit sie überhaupt noch vorhanden sind, abgestoßen, statt ihnen kameradschaftlich die Hand zu bieten. Eine Gruppe aber, die heute nicht fähig ist, die Bestrebungen und Ziele der selbständigen Geister anzuerkennen und sie zu den ihren zu machen, hat keine Existenzberechtigung. Die Stunde der Entscheidung: Ausdruck für das Suchen der Massen zu werden, produktive Arbeit für eine neue, heraufkommende Gemeinschaft zu leisten, fordert Unerbittlichkeit und die Ablehnung der Kompromißwirtschaft. Wir fordern die Mitglieder, die begreifen, daß heute die Kunst Protest gegen den bürgerlichen Schlafwandel und gegen die Verewigung der Ausbeutung und der Spießerindividualität ist, auf, sich unserer Opposition anzuschließen und die notwendige Reinigung der Absichten herbeiführen zu helfen. Wir wissen, daß wir Ausdruck der revolutionären Kräfte, Instrument der Notwendigkeiten unserer Zeit und der Massen zu sein haben und wir leugnen jede Verwandtschaft mit den ästhetischen Schiebern und Akademikern von morgen ab. Uns ist das Bekenntnis zur Revolution, zur neuen Gemeinschaft, kein Lippenbekenntnis, und so wollen wir mit unserer erkannten Aufgabe Ernst machen: mitzuarbeiten am Aufbau der neuen menschlichen Gemeinschaft, der Gemeinschaft der Werktätigen!
  • DIE OPPOSITION DER NOVEMBERGRUPPE:
    Otto Dix. Max Dungert. George Grosz. Raoul Hausmann. Hanna Höch. Ernst Krantz. Mutzenbecher. Thomas Ring. Rudolf Schlichter. Georg Scholz. Willy Zierath.
  • BIBLIOGRAPHICAL REFERENCE
    'Offener Brief an die Novembergruppe', in Der Gegner II/18-9 (1920/21); signed by Die Opposition der Novembergruppe (Otto Dix, Max Dungert, George Grosz, Raoul Hausmann, Hanna Höch, Ernst Krantz, Mutzenbecher, Thomas Ring, Rudolf Schlichter, Georg Scholz, Willy Zierath) Reprinted in Die zwanziger Jahre. Manifeste und Dokumente deutscher Künstler / herausgegeben und kommentiert von Uwe M. Schneede (DuMont Buchverlag : Köln 1979) 95-101.
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  • IMAGE CREDITS
    banner: (detail) Raoul Hausmann, 'Mechanischer Kopf' (Der Geist unserer Zeit), 1920 [Collection Centre Georges Pompidou, Paris].
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