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    banner: (detail) Raoul Hausmann, 'Mechanischer Kopf' (Der Geist unserer Zeit), 1918 [Collection Centre Georges Pompidou, Paris]

wieland herzfelde

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  • Zur Einführung
  • Dereinst wird die Photographie die gesamte Malkunst verdrängen und ersetzen.
  • Wiertz.
  • Wenn sich ein Künstler der Photographie bediente, wie man sich ihrer bedienen muß, dann würde er sich zu einer Höhe aufschwingen, von der wir keine Ahnung haben.
  • Delacroix.
  • Sonne, Mond und Sterne bestehen noch - obwohl wir sie nicht mehr anbeten. Gibt es unsterbliche Kunst, so kann sie nicht daran sterben, daß der Kunstkult gestürzt wird.
  • Wieland Herzfelde.
  • Die Malerei hatte einst den ausgesprochenen Zweck, den Menschen die Anschauung von Dingen, Landschaften, Tieren, Bauten usw., die sie selbst nicht mit eigenen Augen kennenlernen konnten, zu vermitteln. Diese Aufgabe haben heute Photographie und Film übernommen und lösen sie unvergleichlich viel vollkommener als die Maler aller Zeiten.
  • Doch starb die Malerei mit dem Verlust ihres Zweckes nicht ab, sondern suchte neue Zwecke. Seitdem lassen sich alle Kunstbestrebungen dahin zusammenfassen, daß sie, so verschieden sie auch sind, gemeinsam die Tendenz haben, sich von der Wirklichkeit zu emanzipieren.
  • Der Dadaismus ist die Reaktion auf alle diese Verleugnungsversuche des Tatsachlichen, die die Triebkraft der Impressionisten, Expressionisten, Kubisten und auch der Futuristen (indem sie nicht vorm Film kapitulieren wollten) gewesen sind; aber der Dadaist unternimmt es nicht etwa wieder, mit dem Photographenapparat zu konkurrieren, oder ihm gar eine Seele einzuhauchen, indem er (wie die Impressionisten) der schlechtesten Linse: dem menschlichen Auge den Vorzug gibt, oder (wie die Expressionisten) den Apparat umdreht und dauernd bloß die Welt im eigenen Busen darstellt.
  • Die Dadaisten sagen: Wenn früher Unmengen von Zeit, Liebe und Anstrengung auf das Malen eines Körpers, einer Blume, eines Hutes, eines Schlagschattens usw. verwandt wurden, so brauchen wir nur die Schere nehmen und uns unter den Malereien, photographischen Darstellungen all dieser Dinge auszuschneiden, was wir brauchen; handelt es sich um Dinge geringeren Umfangs, so brauchen wir auch gar nicht Darstellungen, sondern nehmen die Gegenstände selbst, z.B. Taschenmesser, Aschenbecher, Bücher etc., lauter Sachen, die in den Museen alter Kunst recht schon gemalt sind, aber eben doch gemalt.
  • Nun die berühmte Frage: Ja, aber der Inhalt, das Geistige?
  • Im Laufe der Jahrhunderte hat wie auf allen Gebieten die ungleiche Verteilung der Lebens- und Entwicklungsmöglichkeiten auch auf dem Gebiete der Kunst unerhörte Verhältnisse gezeitigt: auf der einen Seite eine Clique sogenannter Könner und Talente, die teils durch jahrzehntelanges Training, teils durch Protektion, Sesselkleben, teils auch durch ererbte Spezialveranlagungen das Monopol in bezug auf alle Frage der Kunstwertung an sich gerissen hat - während auf der anderen Seite die Menge von Menschen, deren anspruchsloses und naives Bedürfnis: die Vorstellung in sich und die Vorgänge in der Umwelt darzustellen, mitzuteilen und bauend zu verarbeiten, von jener Clique Tonangebender niedergehalten wird. Heute muß der junge Mensch, wenn er nicht auf jegliche Ausbildung und Verbreiterung seiner ursprünglichen Anlagen verzichten will, sich dem durch und durch autoritativ aufgebauten System der künstlerischen Erziehung und des künstlerischen öffentlichen Urteils unterwerfen.
  • Die Dadaisten hingegen sagen, Bilder hertellen ist keine Wichtigkeit, wenn es aber geschieht, so soll wenigstens kein Machtstandpunkt aufgezogen werden, so soll den breiten Massen die Lust an gestaltender Beschätigung nicht durch die fachmännische Arroganz einer hochmütigen Gilde verdorben werden. Aus diesem Grunde können die Inhalte dadaistischer Bilder und Erzeugnisse außerordentlich verschieden sein und desgleichen die Mittel. An sich ist jedes Erzeugnis dadaistisch, das unbeeinflußt, unbekümmert um öffentliche Instanzen und Wertbegriffe hergestellt wird, sofern das darstellende illusionsfeindlich, aus dem Bedürfnis heraus arbeitet, die gegenwärtige Welt, die sich offenbar in Auflosung, in einer Metamorphose befindet, zersetzend weiterzutreiben. Die Vergangenheit ist nur noch insofern wichtig und maßgebend, als ihr Kult bekämpft werden muß. Insofern sind die Dadaisten einig, sie sagen, was die Antike, die Klassik, all die großen Geister geschaffen haben, darf nicht (es sei denn wissenschaftlich historisch) gewertet werden in bezug auf die Zeit, da es geschaffen wurde, sondern so, als ob heute jemand diese Dinge herstellt, und niemand wird bezweifeln, daß heute kein Mensch, und sei er auch, um mit der Kunstsprache zu reden, ein Genie, Werke herstellen kann, deren Voraussetzungen Jahrhunderte und Jahrtausende zurückliegen.
  • Die Dadaisten rechnen es sich als Verdienst an, Vorkämpfer des Dilettantismus zu sein, denn der Kunst-Dilettant ist nichts anderes wie das Opfer einer vorurteilsvollen, hochmütigen, aristokratischen Weltanschauung. Die Dadaisten anerkennen als einziges Programm die Pflicht, zeitlich und ortlich das gegenwärtige Geschehen zum Inhalt ihrer Bilder zu machen, weswegen sie auch nicht 'Tausend und eine Nacht' oder 'Bilder aus Hinterindien', sondern die illustrierte Zeitung und die Leitartikel der Presse als Quell ihrer Produktion ansehen.
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  • BIBLIOGRAPHICAL REFERENCE
    Wieland Herzfelde, 'Zur Einführung', introductory text in the catalogue of the First International Dada Fair (Berlin 1920). Reprinted in Die zwanziger Jahre. Manifeste und Dokumente deutscher Künstler / herausgegeben und kommentiert von Uwe M. Schneede (DuMont Buchverlag : Köln 1979) 31-34.
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