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george grosz, john heartfield

  • Der Kunstlump
  • Die Bourgeoisie und das ihr mit Haut und Haaren verschriebene Kleinbürgertum hat sich gegen das aufbäumende Proletariat stets, unter anderem auch mit »Kultur« gepanzert. Ein alter Schlachttrick des Bürgers! Im Rahmen dieser mit ihm in Schlamm und Dreck versinkenden Kultur steht die »Kunst«. Mit der Bibel in der Hand weiht man immer die Mordwaffen, die für die gemeinsten Interessen der verruchten Ausbeuterbande geführt werden (siehe jetzt auch Horthy-Ungarn), mit Goethes Faust im Tornister und den bösartigsten Dichterphrasen im Maul als Beruhigungspillen gab man sich stets das »ethische Gleichgewicht«, dessen man bedurfte im Kampf für Raub, Unterdrückung und rücksichtsloseste Ausbeutung des andern bis aufs Hemd.
  • In den Staatsgebäuden zur Pflege und Erhaltung der mittelalterlichen Inventare und Gebilde, eines Stabes überflüssiger Kunstbeamten, alles toten, heutigen Lebensbedürfnissen zuwidersprechenden Gerümpels, Geschreibsels und Gemales, das bestenfalls nur historischen Nachschlagewert hat für Idioten und Nichtstuer, die die Dokumente der menschlichen Dummheit, bis in die greiseste Vergangenheit greifend, preisen zu müssen glauben, hängen die verstaubten »Werke« der Rubens, Rembrandts, die für uns heute nicht den geringsten Lebenswert mehr bergen. Die Marktinteresse für den Bürger haben! In denen er sein Geld sicherte und festlegte. Wie er auch heute sein überschüssiges Kapital in den Bildern der für ihn pinseInden Maler für sich aufhäuft und die bedeutenden Gemälde der bedeutenden »Schaffenden« (beleidigen Sie die Bedeutenden nicht und sagen Sie nicht »Arbeitenden«!) nur aus Kapitalsinteressen als sein Eigentum für seine unbewohnten Herren-, Speise- und Damenzimmer in dieser Hungerzeit erwirbt. Nebenbei schaffen diese Erwerbungen dem Bürger, solch eines an eigennützigen Handelns wegen, allen Glanz und Ruhm eines Kunst- und den Rang und die Warte eines erstklassigen Kulturförderers, von wo aus man auf den nur produktive Arbeit leistenden »Pöbel« mit geschürzten Lippen den Tabaksaft der zwischen Goldplomben zerkauten Havanna herabspeien kann. Ja, ja, den guten verfetteten Bürgerbuckel rutscht Schauer der Ehrfurcht über den verschwitzten Arsch bis zu den dienstbeflissenen Fersenballen hinab, wenn ihm ein günstiges Schicksal ermöglicht, z. B. um nur einen von vielen zu nennen, den Palast des Berliner Millionärs Mendelsohn-Bartholdy betreten zu dürfen und dann unter der breiten, feudalen, mit Kandelabern verzierten Treppe neben den Kleiderständern schon einen zwei handbreit großen Fetzen Leinewand, von Henry Rousseau bemalt, so nebensächlich, als koste er garnichts, hängen zu sehen (er kostet doch Unsummen); wenn er gar seinen Pelzmantel mit dem Bild berühren, das unsterbliche teure Werk mit seinem noch regennassen Mantel zuhängen darf.
  • Ja, hier herrscht Großzügigkeit. Ah! hier empfindet man gleich eine Ehrfurcht erheischende Distanz zum dicken Herrn des Hauses, der man sich freudig unterwirft. Hier ist ein geistiges Fluidum, aus dem heraus man die Welt mit Wonne betrachtet. Hier geht einem erst der Sinn des Daseins auf. Alle Schönheiten dieser Erde entblättern sich dir hier! Ahl hier entbIößt man willig das Haupt vor dem Wert der Kultur, fühlt sich von ihr begnadet und verpflichtet zu ihrem Schutze einzutreten gegen alle Zerstörungsabsichten des kulturzerstörenden BoIschewismus, gegen den Hordengeist der Zerrüttung unserer heutigen Zeit. Und immer mehr blüht das Herz auf, wenn man, wo immer man zufällig hingreift, einen zweimal hunderttausend Mark Kunstölfleck berührt und neben den herrlichsten Werken der alten Meister: Rubens pompösen Frauenschenkeln, Blumenputten, Generalsmächtigen mit Orden und Sternen, meisterlich gemalt, heute unnachschaffbar, neben des Malerfürsten Rembrandts Kreuzabnahmen, Goldhelmmännern, auch moderne Kunstwerke entdeckt, vielleicht des jungen Professors Oskar Kokoschka schon sehr kaufkräftige Zeichnungen und Gemälde, vielleicht sein Bild: »Die Schauspielerin Margarete Kupher mit ihrem Lieblingshund«, das links oder rechts herum gemalt sein kann, ohne für den Bürger Böses auszusagen, das mit einem kunstrevolutionär zu nennenden Aufwand von Kobaltblau, ging dieses zufällig aus, dann auch mit preußischblau weiter gemalt sein kann, und doch schon »klassisch« wirkt und in dem kunstsinnigen Hause einer Frau Großmüllereibesitzer Bienert-Dresden ebensowenig stört, wie etwa des Kleinbürgers und Zöllners Bilder »Blauer Gartenzaun«, »Urwald 311«, »Kind mit Ball«, »Wald mit Zeppelin«.
  • Ja, hier gehören diese großen Kunstwerke alle hin! An die Prunktäfelungen der hohen Wände!! – oder etwa in eine Arbeiterstube, in das Alltagselend eines Arbeiters, vielleicht über sein Arbeiterlausebett?
  • Was soll der Arbeiter mit Kunst?
  • Wo er stündlich um seine primitivsten Lebensbedürfnisse kämpfen muß, wo er unter den zerrütteten Verhältnissen fiebert, in denen er seine Kameraden, seine Familie, alle seine Mitstreitenden dank der bürgerlichen Blutsauger und geschwollenen Besitzkröten dauernd versinken sieht, und sich schuldig fühlt jeder Minute, die er nicht damit zubringt, diese Welt aus den Schleimlingen des kapitalistischen Systems zu befreien.
  • Wo er unaufhörlich die Augen aufreißen muß, um den Verbrechen, den Schlichen, den Hintergehungen, den Umbiegungen, den Verleumdungen, mit denen die bürgerliche Gesellschaft sein Rettungswerk zu vernichten sucht, zuvorzukommen.
  • Wo er dauernd dem Kapital, das auf jede Weise die Stabilisierung der Ausbeutung ersinnt und ausführt, entgegentreten muß. Wo er die Ebert mit den Kapp und Mannerheim verhandeln und die Revolution verkaufen sieht.
  • Wo er die Bildung im Bunde mit den Ludendorffs Handgranaten werfen sieht.
  • Was soll der Arbeiter mit der Kunst, die ihn trotz aller dieser erschreckenden Tatsachen in eine davon unberührte Ideenwelt führen will, vom revolutionären Handeln abzuhalten versucht, die ihn die Verbrechen der Besitzenden vergessen machen will und ihm die bourgeoise Vorstellung einer Welt der Ruhe und Ordnung vorgaukelt. Die ihn also den Klauen seiner Zerfleischer ausliefert, statt ihn aufzupeitschen gegen diese Hunde.
  • Was soll der Arbeiter mit dem Geiste der Dichter und Denker, die angesichts all dessen, was ihm den Lebensatem abschnürt, keine Verpflichtung fühlen, den Kampf gegen die Ausbeuter aufzunehmen.
  • Ja, was soll den Arbeitern die Kunst? Haben die Maler ihren Bildern die Inhalte gegeben, die dem Befreiungskampf der arbeitenden Menschen entsprechen, die sie lehren sich zu befreien aus dem Joch tausendjähriger Unterdrückung?!
  • Sie haben die Welt trotz all dieser Schande im beruhigenden Lichte gemalt. Die Schönheit der Natur, den Wald mit Vogelgezwitscher und Abendsonnenschein! Zeigt man, daß der Wald in den schmierigen Händen des Profitmachers ist, der ihn meilenweit als sein Privateigentum erklärt, über das er allein verfügt, der ihn abholzt, wenn sein Geldschlot es erfordert, ihn aber umzäumt, damit Frierende darin sich kein Holz holen können.
  • Doch die Kunst ist tendenzlos. Sieh an!
  • Deshalb malt man den ganzen alten barocken Gottesschwindel, barocke Engel und barocke Apostel, mit denen kein Lebender mehr etwas anzufangen weiß. Kreuzigungen in allen Façons im Original für die christlichen Mittagstische der Junker und vervielfältigt zur Verdummung des Volkes. Als würde man noch von der Kirche bezahlt oder stände ihren Ideen nahe, als würde man in ihren Schoß flüchten können vor den Standgerichten der bürgerlichen Republik.
  • Deshalb predigt man in den Bildwerken Flucht der Gefühle und Gedanken, weg von den unerträglichen Zuständen der Erde, zu Mond und Sternen, in den Himmel, Iäßt so die Maschinengewehre der Demokratie gewähren, die ja auch die Reise der Besitzlosen in ein reineres Jenseits bezwecken. Deshalb dichtet so ein Schwächling wie Rainer Maria Rilke, den die parfümierten Nichtstuer aushalten, »Armut ist ein großer Glanz von innen« (Stundenbuch).
  • Arbeiter! Indem man Euch die Ideen des christlichen Kirchentums vorsetzt, will man Euch entwaffnen, um Euch umso bequemer der mörderischen Staatsmaschine auszuliefern.
  • Arbeiter! Indem man in Gemälden irgend etwas darstellt, an das sich der Bürger noch klammern kann, das Euch Schönheit und Glück vorspiegelt, stärkt man ihn, sabotiert man Euer Klassenbewußtsein, Euren Willen zur Macht.
  • Indem man Euch auf die Kunst verweist und schreit: »Die Kunst dem Volke« will man Euch verführen an ein Gut zu glauben, das Ihr mit Euren Peinigern gemeinsam besitzt und dem zu Liebe lhr den berechtigsten Kampf, den die Welt je sah, einstellen sollt. Man will wieder einmal Euch mit »Seelischem« gefügig machen, und Euch das Bewußtsein Eurer eigenen Kleinheit im Verhältnis zu den Wunderwerken des menschlichen Geistes einflößen.
  • Schwindel! Schwindel!
  • Gemeinster Betrug!!
  • Nein, die Kunst paßt in die Museen, um in Rundspaziergängen von Kleinbürgern auf Ferienreisen beglotzt zu werden, die Kunst paßt in die Paläste der Bluthunde, vor die Safes. Wenn Herr Stinnes nach getaner Schiebung mit seinen vom Kuponschneiden ach so schwieligen Händchen im Schoß, seine vom fortgesetzten Rechnen, wie man Euch am besten kurz hält, ach so kurzsichtigen Aeuglein in die Höhen reiner Menschlichkeit aufschwingt, seinen überangestrengten Geist an den antiken Bildwerken oder etwa an Kokoschkas Meisterschinken »Die Macht der Musik« erquickt, so läßt sich kaum annehmen, daß diese Bilder die Notwendigkeit der Vernichtung der alten und den Aufbau einer gerechteren Welt predigen.
  • Arbeiter, lhr die lhr den Mehrwert dauernd schafft, der es den Ausbeutern erst ermöglicht, sich die Winde mit diesem »ästhetischen« Luxus zu behängen, die Ihr den Künstlern somit den Lebensunterhalt, der meist immer ein vielfach reichlicherer war als der Eure, gewährleistet, Arbeiter, nun hört, wie solch ein Künstler zu Euch und Eurem Kampfe Stellung nimmt.
  • Nach den Kapptagen, da lhr Euch bewaffnet habt, zum Verdruß der Antimilitaristen und Pazifisten, die es am liebsten gesehen hätten, daß lhr mit langen weißen Hemden bekleidet mit einer Kerze in der einen und Lehrer Franks Buch »Der Mensch ist gut« in der anderen Hand in langen Prozessionen den Hakenkreuzzüglern entgegengepilgert wäret, um mit geistigen Waffen die weißen Heilande zu vertreiben, – in diesen Tagen hat sich so ein Kunstbürschchen wie Oskar Kokoschka, republikanischer Professor an der Kunstakademie Dresden, nicht etwa nur dem Kampf ferngehalten, wie es bei der traditionellen Feigheit der Intellektuellen kaum anders zu erwarten war, sondern hat in Wahrung seines Kunstschwindels folgendes lapidare Manifest an die Einwohnerschaft Dresdens gerichtet:
  • »Ich richte an alle, die hier in Zukunft vorhaben, ihre politischen Theorien, gleichviel ob links-, rechts- oder mittelradikale, mit dem Schießprügel zu argumentieren, die flehendlichste Bitte, solche geplanten kriegerischen Uebungen nicht mehr vor der Gemäldegalerie des Zwingers, sondern etwa auf den Schießplätzen der Heide abhalten zu wollen, wo menschliche Kultur nicht in Gefahr kommt. Am Montag, den 15. März, wurde ein Meisterbild des Rubens durch eine Kugel verletzt. Nachdem Bilder keine Möglichkeit haben, sich von dort zu retten, wo sie nicht mehr unter dem Schutze der Menschheit stehen, und auch weil die Entente einen Raubzug in unsere Galerie damit begründen könnte, daß wir keinen Sinn für Bilder hätten, so fiele auf die Künstlerschaft von Dresden, die mit mir bangt und zittert und sich dessen bewußt ist, solche Meisterwerke nicht selber schaffen zu können, wenn die uns anvertrauten zerstört wurden, die Verantwortung, einer Beraubung des armen zukünftigen Volkes an seinen heiligsten Gütern nicht mit allen Mitteln rechtzeitig Einhalt geboten zu haben. Sicher wird später das deutsche Volk im Ansehen der geretteten Bilder mehr Glück und Sinn finden, als in sämtlichen Ansichten der politisierenden Deutschen von heute. Ich wage nicht, zu hoffen, daß mein Gegenvorschlag durchdringt, der vorsähe: Daß in der deutschen Republik wie in den klassischen Zeiten Fehden künftig durch Zweikämpfe der politischen Führer ausgetragen werden möchten, etwa im Zirkus, eindrucksvoller gemacht durch das homerische Geschimpfe der von ihnen angeführten Partei. Was alsdann harmloser und weniger verworren wäre, als die jetzt üblichen Methoden.«
  • Oskar Kokoschka,
    Professor an der Akademie der bildenden Künste in Dresden.
  • Wir richten an alle, die noch nicht genug verblödet sind, die snobistische Aeußerung dieses Kunstlumpen gutzuheißen, die dringende Bitte, energisch Stellung dagegen zu nehmen. Wir fordern alle dazu auf, denen es nebensächlich ist, daß Kugeln Meisterbilder verletzen, da sie Menschen zerfetzen, die ihr Leben wagen, um sich und ihre Mitmenschen aus den Klauen der Aussauger zu erretten.
  • Die »heiligsten Güter« sind, wenn sie auch als Kunst, Kultur, Vaterland usw. umschrieben werden, in Wirklichkeit nichts anderes als die Arbeitsprodukte der produktivtätigen Menschen, und wenn zum Kampf um sie aufgerufen wird, so meinen Herren wie Oskar Kokoschka und auch Wilhelm II. den Kampf darum, daß diese heiligsten Güter in den Händen derjenigen bleiben, die sie gewohnheitsmäßig als Spekulationsobjekte betrachten. Menschen, die jede Möglichkeit »einer Beraubung des armen zukünftigen Volkes aus seinen heiligsten Gütern« getilgt wissen wollen, würden es begrüßen, wenn man, statt wie dieser Kulturphrasenheld Kokoschka einen Raubzug der Entente in unsere Galerien an die Wand zu malen, diese Bilder, dem Beispiele der Stadt Wien folgend, gegen Nahrungsmittel für die unterernährte heranwachsende Generation an die Entente verkaufen würde. Für das »arme zukünftige Volk« wäre damit mehr geschehen, als wenn man ihm die Möglichkeit ließe, mit von der englischen Krankheit krummgebogenen Beinen vor den unversehrten Meisterbildern in den Galerien zu stehen. Das deutsche Volk würde später noch mehr Glück und Sinn finden im Rückblick auf solch ein kulturvergessenes Handeln als in Marmeladerationen zu Ehren Rembrandts. Die Kämpfe »sämtlicher Ansichten der politisierenden Deutschen von heute« sind der logische Ausdruck des Willens weiterzubestehen und künftigen Generationen andere Daseinsbedingungen zu schaffen als solche, die nur den Gott erleuchteten Kokoschkas ermöglichen, sich satt zu essen und über die Hungernden zu witzeln. Natürlich, satte Leute brauchen Ruhe zur Verdauung, und wenn sich das unbedeutende Volk schon bemerkbar machen muß, darf es ihm, dem Weaner-Kind, wohl vororgeln: »Nua Wolza mull ös sein«, aber mit Gewehren und Maschinengewehren darf’s ihm den Zusammenhang mit seinen Mitmenschen und die Abhängigkeit seines Schicksals, von ihrem nicht zum Bewußtsein bringen. Er ist ein Lump, der seine Pinseltätigkeit als eine göttliche Mission geachtet wissen will. Heute, wo es von größerer Bedeutung ist, daß ein roter Soldat sein Gewehr putzt, als das ganze metaphysische Werk sämtlicher Maler. Der Begriff Kunst und Künstler ist eine Erfindung des Bürgers und ihre Stellung im Staat kann nur auf Seiten der Herrschenden, d. h. der bürgerlichen Kaste sein.
  • Die Titulierung »Künstler« ist eine Beleidigung.
  • Die Bezeichnung »Kunst« ist eine Annullierung der menschlichen Gleichwertigkeit.
  • Die Vergottung des Künstlers ist gleichbedeutend mit Selbstvergottung.
  • Der Künstler steht nie höher als sein Milieu und die Gesellschaft derjenigen, die ihn bejahen. Denn sein kleiner Kopf produziert nicht den Inhalt seiner Schöpfungen, sondern verarbeitet (wie ein Wurstkessel Fleisch) das Weltbild seines Publikums.
  • Oskar Kokoschka, der Schöpfer »psychologischer« Spießerporträts, vergeudet seinen psychologischen Impetus natürlich nicht an seelenlosen Mob. Seine Realschulkenntnisse genügen ihm, um in wahrer historischer Einsicht Links- und Krumm- und Grade- und Rechtsradikale aufzufordern, ihre politischen Theorien »mit dem, Schiasprüagel in da Hond auf den Schiaßplätzen auf der Heide oobzuholten, so zum Spurt, damit die oiten Moistabüida net valetzt werrn, und da Mönschheit koa Schodn zuagefüagt wird.« Und obwohl er über dem Hader der Parteien steht, wie alle großen Kunsthuren, versagt er dem verblendeten Volk nicht folgende unerhört neue politische Erkenntnis: zur politischen Arena soll der Zirkus werden, die Führer treten dort als Gladiatoren auf, das Parteigesindel grööööhlt, die Feuerwehr steht mit Minimax dabei, damit kein Brand ausbricht, Schutzleute überwachen das Ganze, damit kein Rubens und kein Rembrandt im Grab rotieren braucht.
  • Herr Professor, wissen Sie kein Mittel, um Rubens und Rembrandt, die nebenbei bemerkt nicht mal telephonieren können, die in Dreimaster, Schnabelschuhen, Spitzenkragen und Kavalierdegen uns eben so ehrwürdig vorkämen wie Ihre Bilder, aus dem Grabe auferstehen zu lassen? Sie wären zweifellos berufen, des deutschen Volkes Seelenzwiespalt zu heilen und so dem schwergeprüften Vaterland Ruhe und Ordnung wieder zu schenken und es einer besseren Zukunft entgegenzuführen. Die Entente würde selbstverständlich den Versailler Vertrag revidieren.
  • Arbeiter, blickt nach Dresden! Dort seht ihr die Wiege eurer glücklichen Kinder und das Bankdepot 0. Kokoschkas.
  • Oschka Kokoschka, der wie die Zofe mit der Herrschaft bangt und zittert, daß ihm der Arsch mit Grundeis geht, ist uns nur der Anlaß, um die bürgerliche Kunst entlarven zu können, wobei die Person dieses Professors so nebensächlich bleibt, wie sie an sich ist. Dieser Hochschullehrer für Kunst, der bei Aufnahmen von Schülern authentisch äußerte: »Ich kann nur absolut unberührte Menschen brauchen« (von den Dingen und den Fragen der heutigen Zeit unberührte Menschen, Engel vom Mond, aus metaphysischen Gefilden), ist eine symptomatische Person, mit deren Anschauungen über Kunst das ganze Kunstbeamtentum, der Kunstmarkt, die öffentliche Meinung über Kunst sich decken, und indem wir ihn angreifen, wollen wir alles treffen, was sich hinter ihm an Kunstdummheit und -gemeinheit und -arroganz versteckt. Den ganzen unverschämten Kunst- und Kulturschwindel unserer Zeit!
  • Kokoschkas Aeußerungen sind ein typischer Ausdruck der Gesinnung des gesamten Bürgertums. Das Bürgertum stellt seine Kultur und seine Kunst höher als das Leben der Arbeiterklasse. Auch hier ergibt sich wiederum die Folgerung, daß es keine Versöhnung geben kann zwischen der Bourgeoisie, ihrer Lebenseinstellung und Kultur, und dem Proletariat.
  • Arbeiter, wir sehen die Versuche der Unabhängigen, diese Kultur und die verlogenen Anschauungen über Kunst hinüber zu retten in den proletarischen Aufbau der Welt: Wir erwarten sehr bald von dem Herrn Genossen Felix Stössinger, daß er Euch in der »Freien Welt« die Werke des bedeutenden Malers Oschka Kokoschka zeigt und Euch ihre Bedeutung für das Proletariat nachweist, wie er Euch auch mit dem kirchlichen Zimt des Isenheimer Altars oder den heute erledigten individualistischen Kunstquälereien eines van Gogh bekannt machte. Der egozentrische Individualismus ging mit der Entwicklung des Kapitals Hand in Hand und muß mit ihm fallen.
  • Wir begrüßen mit Freude, daß die Kugeln in Galerien und Paläste, in die Meisterbilder der Rubens sausen, statt in die Häuser der Armen in den Arbeitervierteln!
  • Wir begrüßen es, wenn der offene Kampf zwischen Kapital und Arbeit dort sich abspielt, wo die schändliche Kultur und Kunst zu Hause ist, die stets dazu diente, den Armen zu knebeln, die den Bourgeois am Sonntag erbaute, damit er am Montag seinen Fellhandel, seine Ausbeutung um so beruhigter aufnehmen konnte!
  • Es gibt nur eine Aufgabe:
  • Mit allen Mitteln, mit aller Intelligenz und Konsequenz den Zerfall dieser Ausbeuterkultur zu beschleunigen.
  • Jede Indifferenz ist konterrevoIutionär!
  • Wir werden den konterrevolutionären Erhaltungstrieb der Kokoschkas niemals dulden, die noch nicht einmal die beweglichen Ideen des Futuristen sich zu eigen gemacht haben, an deren Bilder das einzig Gute ist, daß sie sie nach dem Tode verbrannt wissen wollen, in der richtigen Erkenntnis, daß diese bis dahin doch längst überholt sind. (Was soll uns ein futuristisches Gemälde »Damenhut bewegt sich die Treppe abwärts« in einer butterarmen Zeit?)
  • Wir fordern alle auf, Stellung zu nehmen gegen die masochistische Ehrfurcht vor historischen Werten, gegen Kultur und Kunst!
  • Insbesondere bitten wir um Uebermittlung von Stellungnahmen gegen den Aufruf Kokoschkas! Wir wollen die Stimmen gegen solche Lumpen und den hinter ihnen Versteckten sammeln und nach Möglichkeit der Oeffentlichkeit übergeben.
  • Von Euch, Arbeiter, wissen wir, daß ihr Eure ArbeiterkuItur ganz allein schaffen werdet, ebenso wie ihr Eure Klassenkampforganisationen aus eigener Kraft geschaffen habt.
  • John Heartfield und George Grosz
  • BIBLIOGRAPHICAL REFERENCE
    John Heartfield und George Grosz, 'Der Kunstlump'. Published in Der Gegner 1, Heft 10-12 (Berlin s.a. [April 1920]) 48-56. Reprinted in Karl Riha (Hrsg.), Dada Berlin. Texte. Manifeste, Aktionen (Reclam : Stuttgart 2002) 84-87. Read also: Brigid Doherty, 'The Work of Art and the Problem of Politics in Berlin Dada', in October 105 'Dada' (Summer 2003) 73-92.
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  • IMAGE CREDITS
    banner: (detail) Raoul Hausmann, 'Mechanischer Kopf' (Der Geist unserer Zeit), 1920 [Collection Centre Georges Pompidou, Paris].
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