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raoul hausmann

  • Der deutsche Spießer ärgert sich
  • Warum? Wer ist der deutsche Spießer, daß er sich über Dada ärgert? Es ist der deutsche Dichter, der deutsche Geistige, der vor Wut platzt, daß man seine formvollendete Schmalzstullenseele in der Sonne des Gelachters schmoren ließ, der tobt, weil man ihn mitten ins Gehirn traf, das bei ihm dort liegt, wo er sitzt - und nun hat er nichts mehr, daß er sitze! Nein, greifen Sie uns nicht an, meine Herren, wir sind schon unsere eigenen Gegner und wissen uns besser zu treffen, als sie. Begreifen Sie doch, daß Ihre Positionen uns völlig gleichgültig sind, wir haben andere Glieder am Leibe. Rühren sie nur aus Leibeskräften die Trommel ihres geistigen Geschäfts, schlagen Sie nur feste auf Ihrem Bauch herum', daß ein Gott sich des Schalles erbarme - wir haben längst diese alte Trommel beiseite geschmissen. Wir dudeln, quietschen, fluchen, lachen die Ironie: Dada! Denn wir sind - ANTIDADAISTEN!
  • Da haben Sie den Salat! Sparen Sie sich Ihre zerschundenen Knochen und nähen Sie Ihre zerrissene Fresse, Sie haben alles umsonst getan! Daß Sie uns nicht an die Wand stellen können, das macht uns feierlich. Und so wollen wir Ihnen denn Ihre Gedärme ausspülen und Ihnen die Bilanz Ihrer feierlichen Werte vorlegen.
  • Nach der ungeheuren Verdünnung des Lebensgefühls in ästhetische Abstraktionen und moralisch-ethische Farcen enttauchte dem europäischen Wurschtkessel der Expreßionismus des deutschen Patrioten, der aus einer anständigen Bewegung, die von Franzosen, Russen und Italienern ausging, ein kleines profitables Kriegsgeschäft in einer endlos dicken Begeisterung fabrizierte. Der Leierkasten der reinen Dichtung, Malerei, Musik wurde in Deutschland auf einer äßerst tÜchtigen Geschäftsbasis gespielt. Aber dieses Pseudo-theosophisch-germanische Teekränzchen, das es bis zur Anerkennung durch sstpreußische Junker brachte, soll uns hier gleichgültig sein, ebenso wie die kaufmännischen Machinationen des Herrn Walden, der, ein typischer deutscher spießer, seine Transaktionen mit einem buddhistisch-hochtrabenden Mäntelchen behängen zu müssen glaubt. Sein Geschäftsgenie in Ehren, aber seine Ästhetik und sein Kunstpreußentum dorthin, woher sie stammen, ins Büro des Winkeladvokaten. Wäre der Walden und seine Dichterschule im geringsten revolutionär, sie müßten zunächst das eine begreifen, daß Kunst nicht ästhetische Harmonisierung bürgerlicher Besitzvorstellungen sein kann.
  • O, meine Herren Spießer, Sie sagen, die Kunst sei in Gefahr? Ja, wissen sie denn nicht, daß die Kunst eine schöne weibliche Gestalt ist, ohne Kleidung, daß sie darauf rechnet, ins Bett genommen zu werden, oder dazu anzuspornen? Nein, meine Herren, die Kunst ist nicht in Gefahr - denn die Kunst existiert nicht mehr! Sie ist tot. Sie war die Entwicklung aller Dinge, sie umhüllte noch die Knollennase und die schweinslippen des Sebastian Müller mit Schönheit. Sie war ein schöner Schein, ausgehend von einem sonnig-heiteren Lebensgefühl, - und nun erhebt uns nichts mehr, nichts mehr! Geben Sie die Geschlechtsromantik auf meine Herren Dichter - uns ist nicht mehr danach zumute; zeigen Sie lieber Ihre schön tätowierten Bäuche, speien Sie Worte, panschen Sie Geometrie in Farben und nennen Sie 's abstrakte Kunst - es ist uns so piepe, wie Ihre Seiltänzerei rund um den Expressionismus! DIE ABSOLUTE UNFÄHIGKEIT, etwas zu sagen, ein Ding zu fassen, mit ihm zu spielen - DIES IST DER EXPRESSIONISMUS, ein geistiger Prießnitzumschlag für verdorbene Eingeweide, eine von vornherein verdorbene Glibberspeise, von der man feierliches Bauchgrimmen bekam. Der schreibende oder malende spießer konnte sich dabei ordentlich heilig vorkommen, er wuchs endlich irgendwie über sich hinaus in ein Unbestimmtes, allgemeines Weltgedusel - o, Expressionismus, Du Weltwende der romantischen Lügenhaftigkeit! Unerträglich wurde die Farce aber erst durch die Aktivisten, die den Geist und die Kunst, die sie vom Expressionismus absahen, dem Volke bringen wollten. Diese Schwachköpfe, die irgendwie mal Tolstoi gelesen und selbstverständlich nicht verstanden haben, triefen nun von einer Ethik, der man nur mit der Mistgabel sich nähern kann. Diese Dussel, die unfähig sind, Politik zu treiben, haben die aktivistische Äternistenmarmelade erfunden, um sich doch auch an den Mann, hier den Proletarier, zu bringen. Aber so doof, verzeihen Sie, ist der Proletarier gar nicht, daß er die unfruchtbare Toberei in lauterer Hohlheit nicht merkte. Kunst ist ihm was, was vom Bürger kommt. Und wir sind soweit Antidadaisten, als irgendeiner von uns noch etwas Schönes, Ästhetisches, ein sicher umgrenztes Wohlgefühlchen aufstellen will, wie die abstrakte Kunst etwa - daß wir ihm diese gut belegte Stulle in den Dreck schlagen. Uns hat die Welt heute keinen tiefen Sinn, als den des unergründlichsten Unsinn, wir wollen nichts von Geist oder Kunst wissen. Die wissenschaft ist albern - wahrscheinlich dreht sich heute noch die Sonne um die Erde. Wir propagieren keine Ethik, die immer ideal (Schwindel) bleibt - aber wir wollen darum den Bürger nicht dulden, der seinen Geldsack über die Existenzmöglichkeit des Menschen gehängt hat, wie Geßler seinen Hut. Wir wünschen, die Ökonomie und die Sexualität vernünftig zu ordnen, und wir pfeifen auf die Kultur, die keine greifbare Sache war. Wir wünschen ihr ein Ende, und damit ein Ende dem Spießerdichter, dem Verfertiger der Ideale, die nur seine Exkremente waren. Wir wünschen die Welt bewegt und beweglich, Unruhe statt Ruhe, - fort mit allen Stühlen, weg mit den Gefühlen und edlen Gesten! Und wir sind Antidadaisten, weil für uns der Dadaist noch zu viel Gefühl und Ästhetik besitzt. Wir haben das Recht zu jeder Belustigung, sei es in Worten, in Formen, Farben, Geräuschen; dies alles aber ist ein herrlicher Blödsinn, den wir bewußt lieben und verfertigten, - eine ungeheure Ironie, wie das Leben selbst: die exakte Technik des endgültig eingesehenen Unsinns als Sinn der Welt!!!
    NIEDER MIT DEM DEUTSCHEN SPIESSER!
  • BIBLIOGRAPHICAL REFERENCE
    Raoul Hausmann, Der deutsche Spießer ärgert sich. Published in Der Dada Heft 2 (Berlin, December 1919) 1; reprinted in Bilanz der Feierlichkeit, Texte bis 1933 Band 1 / herausgegeben von Michael Erlhoff (Edition Text und Kritik : München 1982) 82-84.
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  • IMAGE CREDITS
    banner: (detail) Raoul Hausmann, 'Mechanischer Kopf' (Der Geist unserer Zeit), 1920 [Collection Centre Georges Pompidou, Paris].
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