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banner: (detail) Raoul Hausmann, 'Mechanischer Kopf' (Der Geist unserer Zeit), 1918 [Collection Centre Georges Pompidou, Paris]
raoul hausmann
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- Die Kunst ist eine Sache der Nation. Nationalität ist der Unterschied zwischen Polenta, Bouillabaisse, Powidl, Roastbeef, Pirogen und Kloßbrühe. Insofern ist es wichtig, der Kunst einen nationalen Charakter zu geben, um die gastronomischen Feinheiten, die eine bessere Kunst darstellen, als z. B. der Expressionismus ist, vom internationalen Standpunkt aus zu verwerten. Objektiv ist es eine Unmöglichkeit, Minestra oder Bouillabaisse zu essen, und in Mystik zu machen, oder Pirogen mit Klarheit zu verwechseln - alles dies ist eine Sache des gastrischen Klimas und damit des Gehirns, das in Rußland anders funktioniert als in Italien. Gefährlich ist nur eine unentschiedene Mischung wie Kloßbrühe; vielleicht könnten aber doch durch Erziehung zur Dißiplin die Klöße trocken gegessen werden, was der Sauberkeit in der Wiedergabe des Vorstellungswesens sehr zuträglich wäre. So, wie die Gedanken der Männer einer Nation sich auf der Straße van der Form der Frauenbeine ablesen lassen, so sicher gestaltet die Ableitung des Hungers, der nationale Geschmack, den Geist. Letzten Endes formt eine Rasse die Neigung zur Sachlichkeit im Essen; trockene Nahrung erzeugt gute Frauengestalten und eine leichtere Sexualität, die durch Beeinflussung des Verdauungstraktes zur Ablehnung des Unerklärlichen, der Mystik, führt. Dies ist die einzige Unerklärbarkeit: die Metaphysik der Nahrungsgestaltung und die Ausprägung der Nationen. Eine Nation unter den Menschen ist die Modifikation der Hungerbefriedigung. Jede Nation mit trockener und eindeutiger Nahrung wird das Blödsinnige, also in der bildlichen Darstellung das, was man durchaus mit nichts vergleichen oder bezeichnen kann, ablehnen. Daher entstand in Italien als Übergangskunst ein Realismus, der Futurismus, während in Frankreich wegen des Suppeneinschlags der Kubismus in Erscheinung trat. Deutschland, das Mittelland Europas, schwankte von linken zu rechten Beeinflussungen, von westlichen Formeln zu östlicher Formlosigkeit und gebar endlich den Expressionismus, in dem alles Unklare, Unfaßbare des deutschen Gemüts friedlich und versöhnt umherschwamm - wie eben Klöße in der Brühe. Der Mensch liebt es im allgemeinen nicht, sich zu sehen, wie er wirklich ist - hinter der Epidermis und dem Speckbauch saugende, pumpende, übelriechende Maschinerien, die Eingeweide. Analog der Kurzsichtigkeit sich selbst gegenüber, lieben es die Menschen, der Unendlichkeit einen Sinn zu verleihen, ohne den Mut zu haben, den nur scheinbaren Sinn, die von der Nützlichkeit diktierte Wertung der Dinge als Unsinn zu sehen. Der praktische Sinn der Nahrung ist zwar das Weiterleben, aber über das Leben kann keine Auskunft gegeben werden. Da nun der sinnfällige Unsinn in Italien zu Frittura, in Böhmen zu Schinken, in England zu Beefsteaks, in Frankreich zu Chateaubriand, in Rußland zu Schtschi und in Deutschland zu Schmorbraten verarbeitet wird, so sind die Anschauungen über den Wert der Gegenständlichkeit auf dem Gebiet, das man Kunst nennt, national verschieden, so wie die Getränke ebenfalls den Wirklichkeitssinn oder die Mystik hervorrufen. Roter Wein ist eine Sache von Präzision. Bier verdickt und macht schwerfällig, Kwas abel muß wild und formlos machen. Ein Volk wie die Italiener, mit ihrem Kalbfleisch, ihrer Polenta und ihrem Rotwein, mag immer, in jeder Weltsituation zur Klarheit neigen, wie dagegen der Deutsche es neben Suppen und Stullen und seinem Bier nur zu einer ekelhaften Verdunkelung der Dinge, Expressionismus genannt, gebracht hat. Der erste Expressionist, ein Mensch, der die «innere Freiheit» erfand, war ein verfressener und versoffener Sachse, Martin Luther. Er hat die protesthafte Wendung des Deutschen zu einer unerklärbaren «Innerlichkeit» gleich Verlogenheit, ein Jonglieren mit eingebildeten Leiden, Abgründen der «Seele» und ihrer Macht neben einer knechtischen Fügsamkeit gegenüber der obrigkeitlichen Gewalt herbeigeführt, er ist der Vater Kants, Schopenhauers und des heutigen Kunstblödsinns, der an der Welt vorüberstarrt und sie damit zu überwinden meint. Sein immerhin klarster Ausdruck sind die Frankfurter Würstchen, die aber audt nur aus protesthaften Regungen gegen die jüdische Realitätswertung entstanden, so wie alles Deutsche, das etwas Klarheit aufweist, als Protest, nicht aus einer Erfassung der Wirklichkeit, der menschlichen Gegebenheit manipuliert wurde. Rußland, die Slawen überhaupt, ist eine Angelegenheit selbständiger Art. Das gastrische Klima bedingt Überwucherungen der Realität, eine Überhitzung mit Fett, die ganz anders geartet ist, als die deutsche Nüchternheit und Unfähigkeit. Wenn romanische Völker eine gute Verdauung besitzen, die Slawen alles verdauen können, so leidet der Deutsche an einem schmachvollen Wechsel von Verstopfung und Durchfall, der sich entweder in Kants Philosophie oder in Goethes zweitem Faust oder etwa in Stramms Wortfolgen zeigt; die Äußerungen sind beim Deutschen klumpig, oder er kann nichts bei sich behalten, jedenfalls zieht er aus allem einen Sinn, der nachhinkt oder voreilig ist, ohne jemals die Realität zu treffen. Das Gewolke Goethes kehrt in der expressionistischen Kunst der Unerklärbarkeit subjektiver gastrischer Störungen wieder. Man halte dieser Abstrakt-tuerei den Ausspruch Courbets entgegen «Engel malen - ja, wer Engel gesehen hätte», und man wird erfreut sein über die Perspektive der Natürlichkeit, der Vernunft im Essen und Trinken, die sich hier auftut, trotzdem Courbet sogar zeitweise das Bier liebte. Der Mensch einer ausgesprochenen Nation wird das Erklärbare, das Allgemeine lieben, nicht die Extravaganzen des dunklen Blödsinns. Er wird die Gegenständlichkeit der Umwelt und die Sachlichkeit des Geschehens fassen wollen, ohne bloße Ausschnitte oder Clichées noch den berühmten Temperamentswinkel der Natur zu geben; seine Ironie gegenüber sich selbst wird dies nicht zulassen und sein Bewußtsein, daß die Dinge nicht Vereinzelungen sind. Er wird das Porträt eines Menschen nicht im Vergessen der Eingeweide und die Wichtigkeit von Maschinen nicht in Unabhängigkeit einer richtigen Perspektive erleben wollen, der sauberen Nutzlosigkeit geometrischer Gebilde in Verbindung mit dem Himmel sich bewußt sein. Die Laune der Realitätsbetrachtung wird national verschieden sein, von einem romanischen zu einem moskowitischen Pol schwingen; den Deutschen aber dürfte geraten sein, sich zuerst mit einer planmäßigen Trennung van Kloßbrühe in Klöße und Brühe zu befassen - andernfalls werden sie niemals über weibliche Würstelbeine, Weltbeherrschungspläne und Expressionismus, also die Kultur der verlogenen Dummheit, hinausgelangen.
- RAOUL HAUSMANN
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- BIBLIOGRAPHICAL REFERENCE
Raoul Hausmann, 'Rückkehr zur Gegenständlichkeit in der Kunst', in Dada Almanach / im Auftrag des Zentralamts der deutschen Dada-Bewegung herausgegeben von Richard Huelsenbeck (Erich Reiss Verlag : Berlin 1920) 147-151. Reprinted in Texte bis 1933. Band I, 114-117. See also Digital Dada Library.
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