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    banner: (detail) Raoul Hausmann, 'Mechanischer Kopf' (Der Geist unserer Zeit), 1918 [Collection Centre Georges Pompidou, Paris]

raoul hausmann

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  • Dada ist mehr als Dada
  • Die Masse ist an sich stets anbetungswürdig, sie ist: viele, und viele sind mehr als der einzelne. Mag der einzelne noch so sinnlos sein oder vernünftig bleiben - die Hochachtung vor der allgemeinen Frage, die ein Bedürfnis vorstellt, läßt sogar den Dadaisten antworten; der Dadaist wird ernsthaft, dies ist lustig, traurig wäre es nur, wenn andre darüber zu Ernst erstarrten.
  • Nun wird keine Frage häufiger an den Dadaisten gestellt, als diese: was ist Dada, was will Dada, wer hat Dada erfunden? Hier beginnt bereits der Tiefsinn, der das Leben so angenehm macht. Wir wollen auf den dritten Teil der Frage zuerst antworten, um, dem holprigen Weg über das Verstehen nachrüttelnd, doch etwas sichtbar zu machen, einen Anfang, und wäre es auch nur der Anfang von Dada.
  • Das Unerklärliche daran ist nun dies, daß der Dadaismus allgemein flagrant war und daß ihn niemand erfinden konnte. Eine Namengebung ist keine Erfindung - es bliebe für den Dadaismus gleichgültig, ob er dada oder bebe, sisi oder 0110110 benannt worden wäre - die affaire bliebe die gleiche.
  • Und diese affaire drängte sich ganz von selbst, man wäre versucht zu sagen «intuitiv» in irgendeinem gleichgültigen Jahr 1916 in der belanglosen Schweizerstadt Zürich einigen hellen Köpfen auf - ein paar jungen Männern mit guten Ohren und Nasen, klaren Augen und Mündern und sofern man in diesen Organen etwas Bezeichnendes erblicken will, waren Ball, Huelsenbeck und Tzara mehr als andere prädestiniert, den Dadaismus aus etwas Vagem, allgemein schon lange Vorhandenen zu einer faß-, greif- und sichtbaren Anschaulichkeit zu bringen, übermütig und elastisch genug waren sie dazu. Sie waren rapide Gehirne, aber, wie es so geht, lange Zeit hindurch hätten auch diese drei Creatoren des Dada nicht zu sagen vermocht, wo Rhodos sei und wie man tanze; ja noch im Jahre 1918 in Berlin in einem schon weit vorgeschrittenen Stadium gab es bei uns keine präzise Bewußtheit über die Absichten von Dada in uns selbst.
  • Aus dieser Tatsache schließen nun die Offiziere der Heilsbildungsarmee und die überhaupt ernstere Menschheit auf alles Mögliche und Unmögliche, vor allem unsere Unzulänglichkeit; leider kommen sie nie zum nächstliegenden Schluß, den ihrer traurigen Behaftetheit mit hergebrachten Werturteilen und moralischen Kategorien.
  • Man meint uns zu erledigen, indem man uns vorhält: Ihr wollt kämpfen oder zumindest werben, aber ihr seid euch über Dada oder euch selbst so unklar, daß wir ernsthaften Menschen den Zweck nicht einsehen können und uns abgestoßen fühlen - hierauf haben wir nur Worte und Gesten des Beifalls. Dada ist die Faust aufs Auge und der Tritt in den verlängerten Rücken gerade gegenüber jenen sittsamen Kulturanteilnehmern; die teilweise Unerklärbarkeit des Dadaismus ist erfrischend für uns, wie die wirkliche Unerklärbarkeit der Welt - möge man nun die geistige Posaune Tao, Brahm, Om, Gott, Kraft, Geist, Indifferenz oder anders nennen - es sind immer dieselben Backen, die man dabei aufbläst.
  • Dada wirbt nicht, Dada ist ein Wirbel, der aus seiner eigenen Peripherie geboren, hervorgegangen aus einem allgemeinen Daseinßustand, die Mensmen in sich hineinreißt, sie umherschleudert, durcheinanderrüttelt, sie entweder auf die eigenen vier Beine stellt - oder liegen läßt.
  • Dada will endlich keine intellektuelle Erfassungsmöglichkeit gegen milde Transpirationsversuche bieten aus Bewußtsein seiner fortwährenden Beweglichkeit; es sieht, schrecklich zu sagen, sich selbst morgen anders an, als es heute ist.
  • Und der Dadaist sieht von hier aus auf die leichenbitter der abendländischen Kultur voll Selbstironie und agiert in und mit einer Welt, die unendlich mit sich selbst identisch bleibt, in der es Phantasmen, Realitäten, Absolutes, Dimensionen, Zahl, Zeit und noch etwas mehr oder auch dies alles gar nicht gibt, er nimmt sich und diese Welt auf sich als Schicksal, ohne Fatalismus, als seine eigne lächerlime Ernsthaftigkeit.
  • Der Dadaist sieht in der ihm vorgeworfenen Dummheit keine Schande, er kennt zu genau die Gründe und Hintergründe derer, die ihm Unfähigkeit, Bierulk, Unfug oder Bluff vorwerfen - er hat genügend dégoût vor den Heiligtümern der großen Männer unserer ach so ruhmbedeckten Kultur; der Dadaist kennt alle Positiva und alle Negativa dieser bürgerlichen Kultur - und schließlich hat er einmal Lust, dieser Kultur etwas weniger ironisch hinter die Kulissen zu leuchten. Rund um Dada stehen die Bratenwender der geistigen Praktiken und holen auf kleinen Stäbchen feurige Fünkchen aus einem großen schwarzen Nichts, um das Strohfeuer ihrer Gehirne damit anzufachen.
  • Wir sehen die exakte Wissenschaft und die Philosophie sich mit der Technik und der Theosophie balgen und hören, daß alles in Progression begriffen sei - aber der Spektakel scheint uns uralt und verschimmelt zu sein. Ob Gott oder Tao, Identität und Zahl, Individuum und Ding an sich - für Dada sind dies noch nicht einmal exakt gestellte Fragen, denn Dada ist alles dies zugleich und als ebenso sicher nicht existent bewußt. Was wollen diese hölzernen Stirnen, die noch nicht einmal zu Pfeifenköpfen taugen? Ist es nicht überaus müßig, die Frage nach der Dimensionalität oder A-Dimensionalität zum Beispiel der Zahl überhaupt zu stellen? Denn so a-logisch dies ehrenwerten Gehirnen erscheinen mag, hat die Sachlage, die ein Zahlgedanke vorstellt, unweigerlich Relationen zur Lebensform unserer Welt als einer dimensionalen Welt. Gibt es überhaupt Dimensionen, so können wir uns nichts, auch nichts bloß Angenommene oder Gedachte a-dimensional vorstellen.
  • Soll man nun über die unendliche Individualität oder die endliche Identität in Wut geraten? Wenn die Identität durch mathematische Kurven, durch Zahlwesen oder dergleichen dargestellt oder erfüllt wird, ist dann diese Identität, die sich ja auch auf Baum und Strauch, auf Tisch und Bett irgendwie erstreckt, endlich? Oder nennen wir sie nicht doch lieber unendlich, die in sich zwiespältige Unendlichkeit der endlichen Welt.
  • Dada klopft den Kants auf die Finger und gibt ihnen als Strafaufgabe die Frage zu lösen, die sie schon beantwortet glauben in ihrem ekelhaften Wissensdünkel: An die Stelle des apriorischen Ego oder der Individualität, des nihil neutrale oder der Noumen - müßte dort nicht Identität des gesamten Seins, Zahl, Wesen, Zeit, Raum, Ruhe, Bewegung, kurz, müßte in diesem Nichts aller Differenz nicht alles enthalten sein und dort herrschen?
  • Dada lacht über das Ding an sich, und es weint nicht über das Hoppsassa der Wiederkehr alles gleichen. Dada bewegt sich in der Welt!
  • lhr feierlichen Griesgräme aber wollt doch irgend etwas Positives über Dada wissen, so sagt ihr: nun, das integrierendste Moment des Dadaismus ist sein Streben vom kosmisch-metaphysisch gefaßten Individuum fort zur Identität der Welt und der unsichtbaren Gesetze. Das Gesetz der Welt liegt in ihrer begrenzten, errechenbaren Unendlichkeit (wie dies in der Mathematik vielleicht zu ermöglichen ist), der Dadaismus ist seine eigene Gegenläufigkeit, er will fort und fort Bewegung, er sieht die Ruhe nur in der Bewegung, und er ist eigensinnigerweise logisch und darum a-musikaiisch, a-temporär, a-individuell. Er ist die einzige mögliche erreichbare Wirklichkeit; er führt die absolute Freiheit des Individuums zurück aus ihren zwangsläufigen Relationen zur Welt, zum Maß, zur Identität auf ihre Gebundenheit in diesen Relationen.
  • Dada übergeht mit Gelächter das freie intelligible Ich und stellt sich wieder primitiv zur Welt, was etwa in der Verwendung von bloßen Lauten, Geräuschnachahmungen, im direkten Verwenden gegebenen Materials wie Holz, Eisen, Glas, Stoff, Papier in der Malerei zum Ausdruck kommt. Das ist kein Realismus, auch keine Abstraktion, sondern entspringt eben aus dem Streben nach Identität, erhält im individuellen Akt der Création gesetz- und zahlenmäßige Funktion.
  • Der Dadaist als Mensch, der nur zu gut die Unmöglichkeit des apriorischen, unendlichen Ich begriffen hat, balanciert die Gegebenheiten dieser endlichen Welt, die scheinbar aus dem Nihil explodiert und zu ihrer eigenen Belustigung in dieses Nihil zurückstürzt, als sichere Gegenläufigkeit, ganz unbekümmert um irgendwelche ernsthaften Ambitionen der Theoreme von tranßendent-komismer oder rational-veristischer Prägung.
  • Dem Dadaisten ist das Leben schlechtweg eine Unerklärbarkeit, die vielleicht oder sicher auf den Identitäten von Zahl, Raum, undsofort besteht, die er aber immerwährend dynamisch (nicht musikalisch) auflöst. Der Dadaismus ist gleich weit entfernt von Ägypten, von Hellas, von der Renaissance, von der Gotik und von der Realistik - ihre Gesetze sind ihm zu eindeutig bestimmt, zu unwirklich oder auch zu unwahrscheinlich. Ob Wirklichkeit oder Wahrscheinlichkeit - der Dadaist wird in der Praxis zum Beispiel einer arithmetischen Gegebenheit nun zwar stets 4 mit 4 benennen und identifizieren, nicht nur aus realökonomischen Erinnerungen heraus, nein, ihm ist die Zahl 4 nicht nur positiv, sondern ebensogut negativ bewußt und wertvoll; er wird an die Zahlentatsache nicht eine sukzessive Kette oder Reihe hängen, wie man etwa ein Berloque trägt, ihm vergegenwärtigt plus 4 sofort minus 4.
  • Sein Abstand vom Denker oder Philosophen liegt hier, er gerät über die wechselnde Bedeutung von Werten in derselben Minute nicht in Verzweiflung; er käme sonst nie zum Leben, er würde bewegungslos - und diese Ambivalenz dynamism-statisch ist ihm das Lebenselement. Dada wertet nicht mehr nuanciert rot gegen grün, es spielt nicht mit der Miene des Erziehers gut gegen böse aus, Schuld gegen Unschuid, Dada kennt das Leben prinzipieller und läßt es doppelt, in sich parallel gelten ! Vive Dada ! Es ist die einzige Lebensanschauung, die dem westeuropäischen Menschen entspricht, weil sie die Identität des gesamten Seins mit allen Widersprüchen durchführt und dahinter, hinter einem Schleier von Lachen und Ironie noch das magische Unerklärbare, dessen man nicht Herr werden kann, ahnen läß; Dada ist weit mehr als das Karma oder die Willensfreiheit - Dada ist, verzeihen Sie, nicht so platt unverschämt wie die ernstgemeinten Systeme zur Adaktalegung unserer Welt der harmonischen Disharmonien.
  • An dieser Stelle nun werden uns die tapferen Schildbürger der Psycho-Banalyse zu fangen versuchen, sie werden sanft und überlegen lächelnd erklären: Dada sei infantil; Dada sei psychobanal genug, um von ihnen erklärt und aufgelöst zu werden. Wir werden dann diesen Friseurgehilfen am verfilzten Lockenkopf der natürlichen Gesundheit etwa sagen, daß wir auch ihre Bäume zum Purgieren bringen können. Dada ist nicht das unerfahrene Kind, das gegen die Bedrückung der Familie oder des Vaters protestiert, wenn es innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft diese Gesellschaft ablehnt. Dada ist mehr als das protesthafte Kind, es untersucht nicht kritisch oder psychologisierend den Topf, auf den man es nicht setzen kann, es kennt nicht mehr die Verantwortung für Unklarheiten, die in Haß oder Ressentiment oder Verschmähungen ihr einziges Ventil finden - die Realität entschuldet Dada. Das Milieu, die Umstände hängen ihm zwar teils an, so daß es sie ablehnt aus Obermut und Ironie, aber doch andrerseits seine Verantwortungslosigkeit, eben seine Ironie sich aus dem Tatsächlichen herholt.
  • Der Dadaismus ist innerhalb der Menschform eine taktische Einstellung, die Standpunkte um des in ihnen sich zeigenden Unlebendigen willen ablehnt, ohne aber die Welt irgendwie grundsätzlich ändern zu wollen - dem Prinzip der Beweglichkeit ist aus Gründen der Gegensätze, der notwendigen Widerstände auch Lethargie plausibel. Der Dadaist erleidet nicht die Welt kindlich, weder Gott noch Vater oder Lehrer können ihn züchtigen - Dada ist infantil. Es ist praktische Selbstentgiftung, ein westeuropäischer Zustand, anti-östlich, antiorientalism, unmagism.
  • Dada ist die Keimblase des neuen Typus Mensch: jenseits des moralischen, christlich-mittelalterlichen Sündenballastes ist Dada die Negation des bisherigen Sinnes des Lebens oder einer Kultur, die nicht tragisch, sondern vertrocknet war.
  • Dada ist die lachende Gleichmütigkeit, die mit dem eignen Leben Erhängen spielt, aus dem Wollen heraus, den europäischen Schwindel nicht mehr mitverantworten zu müssen. Dada hat eine Tendenz zur Untragik, eine Balance innerhalb der gesetzmäßig sich erfüllenden sogenannten Freiheit, auf die es pfeift.
  • Jedenfalls: Dada ist mehr als Dada.
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  • BIBLIOGRAPHICAL REFERENCE
    Raoul Hausmann, 'Dada ist mehr als Dada', in De Stijl 4, Nr. 3 (Mei 1921). Reprinted in Texte bis 1933. Band I, 166-171. Translated in French and published in Courrier Dada (Le Terrain Vague : Paris 1958) and in later reprints.
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