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    banner: (detail) Raoul Hausmann, 'Mechanischer Kopf' (Der Geist unserer Zeit), 1918 [Collection Centre Georges Pompidou, Paris]

raoul hausmann

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  • Christlich-Sozial
  • Die Armut ist ein großer Glanz von Innen, mein Gotte doch, Mutter gib mir nur ganz miese Lumpen, damit niemand mir meinen Glanz ansieht. Was müssen die Menschen bloß von mir denken, daß ich so glänze. Dafür will ich ja gerne in die Glasbläserei gehen, meine Lunge auspusten, damit die Leute, die man fälschlicherweise Reiche nennt, so’n bißchen was von meinem Glanze abkriegen. Oder in die Kohlengruben. Damit denen, die Ehren genießen, warm wird im Winter.
  • Oh, wie gerne laß ich mich ausnutzen! Ich bin ja selig in meinen armseligen Lumpen. Es ist zwar bißchen kalt grade, so ohne Mantel und Löcher in den Schuhen – aber dafür hab’ ich doch eine Lunge, die voll Kohlenstaub ist – ganz schwarz innewendig. Hat je ein Reicher so eine Lunge gehabt? Nein, ich habe viele Besonderheiten. Da machte mir neulich meine große Frostbeule am rechten Fuß viel Spaß.
  • Ich muß immer an das Himmelreich denken, in das ich bald kommen werde. Dort brauche ich gewiß keine Leberwurst essen, damit ich mir den Magen nicht verderbe. Ach, wie herrlich geht es mir gegenüber jenen, die viel Geld und feine Kleider und einen vollen Magen haben: an ein Heim bin ich nicht gebunden – jeden Morgen, wenn wir in unserem feuchten Keller erwachen, wo wir zu 14 schlafen, immer zweie in einem Bette, da sind wir alle froh, daß wir auf Arbeit müssen. Wir danken alle dem guten Gott, daß er uns so eine schöne Rolle zugeteilt hat.
  • Wir lassen uns von Kind an zu seiner Ehre und zum Wohlergehen der Reichen willig aussaugen. Hunger ist der beste Koch! Wie wahr ist dies Wort! Wie mein Vormund immer sagt, der Lumpensammler: “Welch’ ein Fest ist es, im Müll eines feinen Hauses ein Stück Speck mit Maden zu finden.“ Und wir selbst: wie schön schmeckt unsre wöchentliche Kartoffel oder die Kohlrüben. Oh, wie schlecht verstehen diese Leute, die alles haben, zu genießen! Was Genuß ist, das wissen nur wir. Wir haben wahrhaft schöne, menschenwürdige Berufe, die wir nicht um alles Geld auf der Welt aufgeben möchten. Krankheit und Elend gibt es herrlich viel bei uns. Darum sind wir dem Himmel so nahe. Und dabei passen wir denn sehr auf, das unser innerer Glanz nicht aus uns hinaus strahlt. Den möchten wir uns nicht gern nehmen lassen einesteils – und andernteils müsste er die anderen Menschen beschämen.
  • Unsre Tugend aber heißt Demut. Geduldig das Schlimme zu tragen, als ob es das Glück wäre: das hat uns Jesus von Nazareth gelehrt. Der ohne Murren das Kreuz trug. Wir sind allerdings noch etwas weiter gekommen als er, der nur das blühende Schwindsuchtsalter erreichte und nur bis Golgatha kam – unser Elend nimmt Gott sei Dank nicht so schnell ein Ende. Es dauert unser ganzes Leben. Oh, wie süß ist die Armut, wer sie nicht hat, weiß nichts von der Seligkeit, von der Zufriedenheit, von der Bescheidenheit: kurz, der kennt das Glück nicht. In früheren Zeiten war es ja allerdings noch besser für uns als jetzt.
  • Da gab es Prügelstrafe. Da konnten wir uns als mutige Bekenner zum Beispiele unseres Herrn Jesu, der uns das Himmelreich verheißen hat, züchtigen lassen. Jetzt muß man schon Blödes tun, wie z.B. ohne Gewerbeschein Leierkasten spielen oder an einem öffentlichen Platze betteln, um auf der Polizeiwache zu Recht nach unserem Verlangen gezüchtigt zu werden. Und die deutsche Revolution droht uns auch um dies Glück zu bringen. Wir sind wirklich das Salz der Erde.
  • Wir arbeiten, damit die anderen leben können. ohne uns hörte die Welt auf. Wie könnte je ein Reicher Kloaken ausräumen? Oder Straßen kehren? Wie bekömmlich sind diese Beschäftigungen? Was sind mir Nachtigallen oder Rosen, wenn ich Dung riechen darf und Staub schlucke.
  • Ach, und wie schön war es im Kriege, wo man uns von Granaten zerreißen ließ, uns in den Arsch trat (das haben wir besonders gern), uns hungern und dürsten und frieren ließ, damit wir nur ja Jesu Worte erfüllen: jeder dieser Aermsten einer ist mein Bruder! – Nur was das Stehen im Wasser anlangt, da bin ich mir zweifelhaft, ob es programmäßig war. Aber es wird schon stimmen. Es stimmt überhaupt immer alles. Das Himmelreich ist unser schon auf Erden. – Herrlicher als im Schützengraben kann es nämlich nicht mehr sein. Unser Feldwebel hat uns geliebt wie Gott selbst. Er züchtigte und prüfte uns schwer, aber wir sahen sein Herz voll Güte und Liebe und Worte wie Aas, Mistvieh oder Scheißkerl waren bezaubernde Musik in unsern Ohren. Und wenn uns die Seligkeit nicht groß genug war, dann befahlen unsere Vorgesetzen einen Angriff, und wir durften unser Leben für Gott, den König und das Vaterlang hingeben. O wie traurig sind wir alle, dass diese herrliche Zeit ein Ende nehmen mußte!
  • Wie bedauern wir alle das Ende des Krieges!
  • Welche herrlichen Beispiele wahrer Demut und christlicher Nächstenliebe konnten wir im Kriege erleben! Als ich z.B. das Eiserne Kreuz verdient hatte, gab sich mein Leutnant selbst dafür ein, um mir die Unannehmlichkeit einer solchen öffentlichen Ehrung zu sparen. Eines anderen wunderbaren Zuges von christlicher Milde mit Tieren muß ich auch noch Erwähnung tun. Als einmal mein Gespann unser Geschütz aus einem Granattrichter trotz aller Hiebe nicht heraus bekam, schlug mein Leutnant mit einem Ochsenziemer auf mich (den Vorreiter) stark ein – und siehe da – wir kamen aus dem Loch heraus. Der Gütige, Edle sagte sich richtig: die Tiere sind erbarmungswürdiger als die Menschen, denn die wissen bei Schlägen doch nichts davon, daß Gott sie liebt – sie kommen auch nicht in das Himmelreich. – Ich bin heute noch traurig über das Ende des Krieges, obzwar ich jetzt auch eine wunderschöne Existenz habe.
  • Allerdings nicht ganz so schön wie mein Bruder, der von Gott mit dem Verlust seines linken Beines belohnt worden ist und den ganzen Tag auf der lieben, kalten Wintererde sitzt und dafür von den Vorübergehenden manchmal ein Geldstück erhält. Er geht sehr ungern des Abends heim, das Sitzen auf dem harten Pflaster gefällt ihm zu gut. Aber einen schönen Augenblick hat er vor dem Lotter des tatenlosen Nachtschlafes doch noch, er betet:
    • Ich bin arm,
      mein Herz ist warm,
      darf nichts drin wohnen,
      als Plage und Frohnen!
      Halleluja, gelobt sei Gott!
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  • BIBLIOGRAPHICAL REFERENCE
    Raoul Hausmann, 'Christlich-Sozial', published in Der Gegner 2, Heft 1-2 (Berlin, 1920) 46-48 [online source: DADA TEXT Archive]; partly reprinted in Die Pleite Heft 6 (Berlin, 1920) 3. Completely reprinted in 'Hurra! Hurra! Hurra! 12 politische Satiren (Malik Verlag : Berlin 1921); also by Anabas Verlag, Gießen 1970 (Mit einem Nachwort herausgegeben von Karl Riha; a 2nd edition was published in 1992 and in Texte bis 1933. Band I, 127-130. Translated in French and edited by Allia, 2004.
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